Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas, das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt; näher besehen dürfen sie nur Priester. – Ich kam zu der Säule, an welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. – Ich kam zu der Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit den Händen spielend schaukeln. – Ich kam an Grabmäler der Päpste, an Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit – zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.
Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.
Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe:
»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt deinen Teil die Katz'!«
Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den Segen nicht. – Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern. – Und heute – kann ich an dieser Stätte nicht beten …
Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.
Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar. Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige, die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend, durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den Lichterkranz des Hauptaltars und – weinen.
Und wieder andere – wohl Laien im Chorrock – huschen geschäftig hin und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.
Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie überall auch in der Natur.
Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker.