Pompeji und Herkulanum – ich wüßte nicht, daß sie die latinischen Sodom und Gomorrha waren – und doch kam Feuer und Schwefel von oben.
Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi Geburt 79 die Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, die Lava wild qualmend bei Tag und hell erglühend in den Nächten niederströmte zu den Wohnungen der Menschen, und der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte begrub.
Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem zurückgewichen ist; es mag ein wesentlicher Stapelplatz für die weiter einwärts gelegenen Ortschaften gewesen sein. Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die Stadt durch ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels gewesen für die Christenverfolgungen, die unter den damaligen römischen Kaisern stattgefunden hatten, und für den Martertod der zu Rom hingerichteten Apostel Petrus und Paulus.
Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches im Jahre 79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben begraben in sich selbst – und die Lavamassen lagen starr und verschwiegen über der Todesstätte. Pompeji mochte an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben; Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten bei weitem nicht so groß waren, als das in den heutigen Städten der Fall ist.
Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange Jahre hindurch da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, wer kümmerte sich darum? Der Landmann baute seine Felder und Weingärten darüber; Feigen und Maulbeerbäume und Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf, und Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, und der kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt Wache und schloß es ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, und der klare Sarno rieselte dahin und ins Meer, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang – und Pompeji und Herkulanum waren vergessen.
Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende Geschlecht herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter Erde ihren verwahrten Schatz und zeigte der neuen Zeit die alten Römer, nicht wie sie herrschten auf dem Tribunal, nicht wie sie rangen auf dem Felde oder in der Arena, sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie. Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte und vielleicht wichtiger, wie manch' anderes.
Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den ungeheuren Aschenhügeln Pompejis den ersten Spatenstich tun, doch erst in neuester Zeit haben die Ausgrabungen einen solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste und klarste Bild der Stadt – getreu bis auf das Nachtlämplein und das Stückchen Mosaik – bis auf die Knochen der Bewohner – vor uns daliegt. Die begrabene Stadt starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe, das nicht zerfallen darf, weil es Zeugnis geben muß.
Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten des Meeres und den unterirdischen Gluten des Vesuv hin, bereitet würdig auf Großes vor. Er führt über Lava und Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen Gärten. Und da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, an denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter welchen Hüter und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken liegen und auf die Feigen und Trauben warten, die ihnen ja, wenn heute nicht, so morgen in den Mund fallen müssen. Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt ist nicht ausgegraben, doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in Italien allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; und manches Haus ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, aber trotzig bleibt es stehen, bis etwa eines Tages neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen Berges niederschießt.
Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, wohl ein wenig abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man sieht es aber dem stillen, wie träumenden Gesellen nicht an, daß er die Hölle im Herzen trägt, daß er imstande ist, das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das ganze südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen und krabbeln an ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. Und plötzlich wird er wach.