Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine gewölbte Pforte führt. Wie durch ein Friedhofstor gehen wir hinein und stehen in der zugrunde gegangenen Stadt.

Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende Leben, die alles bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend Menschen; hier – alles vorüber. Die Geschichte dieser Stätte ist erfüllt – tretet leise auf die Steinplatten, störet den Frieden der Ewigkeit nicht!

An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten scheint, am Forum, an den Tempeln, an den Theatern, ging ich nach kurzer Besichtigung vorüber. Ich wandelte durch die geraden Gassen, deren mächtige, unregelmäßige Pflasterblöcke aus Lava noch die Furchen der Räder zeigen, und ich ging in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo aber die Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen Bewohner taten's ja wohl auch – es waren hier schöne Gestalten dargestellt auf dunkelrotem Grunde; und ich fragte die Mosaikkörnchen auf den Fußböden, ob sie nicht Kunde wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes. Aber Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte, Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. Diese Räume sind leer; all' das Wiedergefundene ist im Museum aufbewahrt; schier ganz Pompeji ist uns wieder geworden; den Sarg und die Vasen und den Todesschmuck hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir hier sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen Blattes der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, wie die Ruinen der Kaiserpaläste in Rom – ein stilles Willkommen rufen sie uns zu und laden uns ein in das Haus des römischen Bürgers.

Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern sind noch gut erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen enge Steintreppen empor zu dem Dachraum. Spuren von Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären finden sich, noch mit Götterbildern versehen, aber viel häufiger die Vertiefungen der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist den Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die engen, niedrigen Türen haben bequeme Antrittssteine und sind noch mit Holzpfosten eingelegt. Sehr spärlich sind die Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß, wenn der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme, das Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum erhellt hat.

Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände, der bunte Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der Altäre, Bäder und Fußböden überall mannigfaltig ist, so sind doch, außer den öffentlichen Gebäuden, die Häuser und inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten sie nach tausend Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv hervorgraben, so wird es hierin weit mehr zu staunen geben.

Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich gegangen sein, sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben, und doch hat man in den Ruinen Hunderte von Leichen gefunden. Sie wollten sich nicht trennen von ihren Wohnstätten, oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg nicht gefunden und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von der Natur werden sie nach langer Grabesruh' zum Tageslicht erhoben. – Wie ehedem leuchtet wieder die Sonne, wogt das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie einst – die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren, gestorben – aber das Menschengeschlecht ist noch jung und bereitet sich vor für künftige Jahrtausende.

Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines Aufsehers, spielte in einem dieser stillen Hofräume mit bunten Steinchen. Es baute sich damit eine Pyramide und klatschte in die Händchen, als sie fertig war. Die Abendsonne fiel schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen rot, färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in Freude. Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen und Menschenwerke vernichtet, das war unsäglich Jammer und Not. Gut denn, es ist vorüber, aber warum fängst du mit diesem Kinde von Neuem wieder an?

Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen; violett war er in dem Abendsonnenäther, als es in den Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein braunes, leichtes Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf in den Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie zur Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust.

Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond hing darüber. Ich war allein in den weitläufigen Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan, der noch große Teile Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf einem Stein und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. – Mir war Welt und Menschheit wie ein Fragezeichen.

Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer wehte das Anprallen der Wellen an das Gestein leise herüber. Die Wölklein über dem Kegel des dunklen Vesuv waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg; in dem Gemäuer löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte nieder …