Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und ihr absichtlich seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so eifriger las er ein pommersches Wochenblatt und in demselben einmal eine Feilbietung des Gutes Zurkow auf Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir haben nicht ein Wort darüber gesprochen.
Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben – die grünen sollen besonders schädlich sein – dem Wendel Blees nicht mehr so wohl bekamen als einst, er wurde bleich und bekam eingefallene Wangen. Seine Besuche bei mir verminderten sich, er strich in seinen freien Stunden allein umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer und brütete vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise zurückgekehrt war, gedachte ich wieder einmal seiner und suchte ihn auf. Ich fand ihn auf dem Fußboden kauernd, wo er eben ein paar Patronen (Formen für Zimmermalerei) aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften Gestalt, vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich anglotzte.
»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.
»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf, »warum soll ich krank sein?« Dann setzte er wehmütig und sanft bei: »So hast du doch nicht ganz meiner vergessen. Du kannst mir aber nicht helfen.«
»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen Spaziergang machen? Das zerstreut und erfrischt.«
»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich war schon lange nicht mehr auf der Gasse und habe das Gehen verlernt.«
Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau, die ihn pflegte, zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann er's denn noch machen, Herr Doktor?«
Es waren freundliche Spätherbsttage. – Ich führte den armen Wendel mehrmals auf den Ring; er sprach wenig, nur einmal, als er stehen blieb und sich an mich stützte, sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es ist eine herrliche Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon eins ums andere langsam zu Boden sank.
Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz schritten, daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei ausstieß. Ein Fiaker rollte vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete Dame saß. Wendel riß sich von mir los und mit ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich suchte ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme Flügel, er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte er zusammen.
Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt. Wir hoben ihn auf. Seinem Mund entströmte Blut; er schlug die Augen weit auf und stierte um sich und murmelte: »Sie ist fort.«