Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an einem Ecktische saß ein junger Mann. Er war der einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich schon verzogen und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt. Die jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden Tischen mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an denen hie und da Spuren der Bratensauce sichtbar waren, lag die grelle Aprilsonne. Drinnen in einem Winkel der Gaststube kauerte der Kellner, der einen Teil des Schlafes, den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm gestohlen, einzubringen hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem Gesicht schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß der gesprenkelte Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte vor sich ein volles Glas Bier stehen, in dem der weiße Schaum bereits zerronnen war. Er blickte hinaus auf die Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin und her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme balgten ein paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und dunkle Ringe um die Augen hatten und die paar Lumpen, die sie an den mageren und schmutzigen Gliedern trugen, sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. – Aus dem Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde der junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten tretenden zweiten, der Überrock und Stock auf einen Sessel warf und sich bei dem Freunde entschuldigte, daß er ihn hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen braunen Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes Glas gegen ein frisches umtauschen.

»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei Prozessen,« erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung und zwei Paternitätsklagen.«

»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob jetzt seinen Kopf in die Höhe. »Das ist interessant.«

»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.

»Aber anhören kann man's doch.«

»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit einiger Zeit gar nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten gedient wäre. Nein, für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten nicht die richtige Unterhaltung. Heil dir!«

Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen Bescheid und goß dann sein Bier auf einem Zug hinunter, während der Richter sich mit einem Halben genug tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen etwas genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.

»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine Lustigkeit in den Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt dir das Staatsexamen so viel zu schaffen oder hat dir dein Alter die Rationen beschnitten? Andere Mißgeschicke kann ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«

»Nicht?«

»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel ich weiß, nie Talent gehabt.«