»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund ankommt – das sind mir auch die rechten. Die Waisen, die da auf dem Lande draußen verlausen und versumpern und endlich Trottel oder Lumpen werden – alle haben ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet habe.«
»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«
»Nein. Es würde das ganze Familienglück – was man so nennt – zerstören. Am meisten würde Mama darunter zu leiden haben. Nein, daheim in der guten Stube breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«
»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, zum Trottel oder Spitzbuben werden. Na, ich dank' schön.«
Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: »Ich habe dir nicht vertraut, damit du mich rasend machen sollst. Wenn du keinen Rat weißt – ich habe dich ja nicht verpflichtet dazu.«
»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt bist, anderen Unrecht zu tun, sehe ich klar, daß du dich in Unrecht fühlst. Und das freut mich. Das Unrecht kommt von deinem Kummer und der Kummer kommt von der Liebe. Du liebst deinen Knaben.«
»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, daß ihm eine fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel griff. Die andere Liebe hatte er dem Freunde gern verraten, dieser hatte er sich geschämt Sie war zu zart und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt. Dieses so sanft und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses Lustgefühl, dieses Angstgefühl – dieses abgrundtiefe Erbarmen – wenn das Vaterliebe war! – Dann erzählte er, wie er durch mancherlei Liste ins Findelhaus gekommen war und das Kind gesehen hatte. Für eine Verwandte in der Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine lächerlichere Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, um ihn vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der Tafel der Name Richard Fachler und eine Nummer stand. Das war auch alles, was sein Kind besaß, und er – der junge Vater – sollte einmal drei Stadthäuser erben. Und konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und sein rotes Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den Mund und das Näschen hatte es, so deuchte ihm, von seiner Mutter, dem guten armen Mädel, das sie am selben Tage in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, da sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht das letztemal.
»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall dieses Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, verkommene Rangen, und einer hatte das Gesicht Richards, der Teufel hol's, und war doch eine Fratze! – Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«
»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach nun der Richter. »Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt der andere Teil die Liebe desselben zum Kind, so daß er eine doppelte Liebe hat, die des Vaters und die der Mutter. Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch ist's.«