»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten Liebe an! Und kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal so ein kleines, kreischendes Kind haben, und doch wieder keines haben – etwas Komischeres gibt's nicht mehr.« So der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.

»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen den Ästen der Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es muß wohl, denn ich habe den neuen Überzieher an und keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer. – Schon wieder vorüber. Aprilwetter. – Ja, Freund, du hast mich zwar nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt eigentlich weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument ein. Das heißt, es wird berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich etwas machen läßt.«

Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. Am Abende, als die Freunde auseinandergingen, schlenderte Alfons noch eine Weile durch die Stadt, es tat ihm aber das elektrische Licht weh und er suchte die Gassen, wo nur noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen recht langsamen Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach dem Friedhofe führte diese schmale, winklige Gasse hinaus. Aber er sagte sich: Nicht sentimental sein! Wenn du was Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um und kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät in der Nacht.


Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem sechseckigen Turm, standen in geschlossener Reihe die Häuser des Kaufmannes Marand. Das letzte derselben, das Eckhaus an der Bürgerstraße, trug das Schild »zu den drei Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller und Hallen surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm von Kauflustigen, die von zahlreichen Kommis und Handlangern bedient wurden. Durch das Gedränge schritt manchmal, die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. Er machte vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn aber nach einer Ware oder deren Preis fragte, den wies er mit einer leichten Handbewegung an die Bedienenden. Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, sein kleines Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. So lebhaft es in den unteren Stockwerken herging, so still war es im obersten. Der Sohn, ein studiosus juris war selten zu Hause, und wenn doch, so war er in neuester Zeit schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig sein Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, denn sie war überzeugt, daß eine innere Krankheit in ihm nage. Sein Vater war der Meinung, Alfons arbeite zu wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.

Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig arbeitete, eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. Kam er zum Mittagsmahl mit zorngeröteten Wangen, einen grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben wir's!« polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen! Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür sorgen. Sie können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, und ich sage, sie können mich nicht zwingen. Geht das Bezirksgericht kurzer Hand her und kommandiert mich zum Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den Herrn Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt bei der Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen sie mir den Balg auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich rekurriere! Zwingen! Ich glaube nicht, daß man zu so etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine Gewissenssache, und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen werden. Nein, was sie einem bei uns alles aufmutzen wollen!«

Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück sei ja nicht so groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle vertreten und wisse, daß außer ein bißchen Überwachung des Mündels nichts verlangt werde.

»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin ich zu Gericht beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. Gerade diese fatale Stunde, wo die erste Post abzufertigen ist. Und so geht's hernach fort mit den Laufereien, einmal zum Gericht, dann zum Kind, dann in den Stadtrat, dann zum Vater –«

»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte die kleine muntere Frau.

»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu seinen ersten Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann noch bei den Ohren nehmen dürfte! Hat der Vormund Rechte? niemals, nur Pflichten – ich pfeife darauf.«