Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte tüchtig darauflos.

»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm die Mutter, denn er war rot im Gesicht bis hinter die Ohren. Während des Essens stellte er sich dann gelangweilt, lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der Alte neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name interessierte ihn ein bißchen. – Es war richtig. Richard Fachler. Sein Vater war Vormund des Enkels geworden.

An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem Freunde Gustav auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn beide gingen in Gesellschaft. »Zufrieden?« rief ihm der Bezirksrichter zu.

Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im Findelhaus sich nach dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde traf sich gerade mit einer Handelskammersitzung, er hatte also nicht Zeit und schickte seine Frau. Die kam ganz erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie noch ihr Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben, während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah und Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. So ordentlich hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange die Mutter redete stand er am Fenster und bürstete den Hut. Sie hatte auch die Papiere der Kindesmutter mitgebracht, derer bemächtigte sich sofort der Student, um seinem vielbeschäftigten Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein da, das er unterschlug und aus dem er später ein paar Blätter entfernte.

In der nächsten Woche wurde Marand – und zwar zu sehr ungelegener Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine zu tun gehabt – zu Gerichte beschieden, um seine Unterschrift zur Verfolgung und Habhaftmachung des Kindesvaters zu leisten. Er tat ein übriges und bestimmte für die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde den Aufenthalt, es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja die Mutter bekannt war, es gehöre in ein Kinderasyl. Da gab es nun neuerliche Laufereien zu den Behörden, zu allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt verlangte, das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher Natur und könne nur durch besondere Sorgfalt am Leben erhalten werden. Unter solchen Plagen nahm Marand eines Abends, als er mit seiner kleinen Familie beim Tee saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich seinen Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so was anstelltest, Alfons! Ich weiß nicht! Ich möcht's nicht erleben! Merk' dir's!« – Darob war die Mutter etwas ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig, vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst keine Sorgen hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung etwa nicht musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. Man müsse ihn nur nicht mit der Nase daraufstoßen.

Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität ging, begegnete ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. Es hatte einen großen Handkorb bei sich, das runzelige Gesicht, das nur teilweise aus dem wulstigen Kopftuche hervorguckte, war über der Nase mit einem Leinwandpflaster bedeckt. Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« kreischte die Alte und stach mit ihrem roten Regenschirm nach dem Tiere. Und dann erkundigte sie sich mit einer dünnen singenden Stimme, die aus zahnlosem Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand wohne. Sie habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes und da sie gerade beim Arzt in der Stadt zu tun gehabt habe, so wolle sie gleich ein kleines Kind mit nach Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was dafür bezahlt würde.

Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im Hause, aber er würde sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, unfehlbar über die Stiege herabwerfen. Darob ist die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg in die Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen, wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- und Pflegemutter bekäme?

Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind die Bleibefrist zu verlängern, fand der alte Herr sich doch genötigt, sein Mündel anzusehen. Und als er nach Hause kam, war er unwirsch und über sein Journal gebeugt rief er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts dafür. Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« – Und abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines Frauchens ab. Sie hatte viele gute Tage und er wollte nicht gerade einen der wenigen schlechten erwischen.

»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. »Ein Gelaufe hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde schiebt's auf die andere, niemand will sich annehmen ums arme Wesen. Wenn ich – wie es beinahe aussieht, das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und fürs weitere Fortkommen sorgen – ja zum Satan, da ist's einfacher, man nimmt das Kind ins Haus – –.«

Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. Sie zog aber gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, das gute freundliche, feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte Alfons, der gerade eine Zigarette zu drehen im Begriffe war, mit einer plumpen Armbewegung die Tabakschachtel über den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den feinen Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.