»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, ihr werdet nicht damit einverstanden sein. Besonders du nicht, Alfons: Denn für dich bedeutet es eine Einbuße. Übrigens – du könntest ja auch fünf Geschwister haben, oder acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du spielend.«
Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den Mund zuhalten.
»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. – – »Wenn wir den Richard ganz adoptieren wollten? Was denket ihr?«
Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend fiel er dem Alten um den Hals und umarmte die Mutter und küßte sie und lachte und rief endlich aus: »Papa! Mama! also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«
Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. Aber als jetzt der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im neuen Kleidchen und hell lachend auf Mama zu, kreischte das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand, Josef! Das ist ja der Fonserl!«
Da wußten sie alles.
Der Mädeljäger.
Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in eine Felsenschlucht, aus der ein grünlicher Gebirgsbach hervorbraust, steht Schreckenburg. Es ist eigentlich keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben ein »größerer Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft, scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. Vater und Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und Gesellen, darin liegt der Ständeunterschied von Schreckenburg. Wohl haben sie einen Fürsten, aber auch der hohe Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von Schreckenburg sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge, heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn dort an der Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden Volkes gewesen. Wenn man der Historia glauben darf, und man soll es sogar, so haben es die Schreckenburger seit jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu verschaffen in der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt worden, das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des zur Zeit dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch hundertundzehn Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren der Erde nicht angegriffen worden. Unser Fürst Othmar III. befehligt zur Zeit der Not ein Heer von zweiunddreißig Mann, davon vier zu Pferde! Aber die Zeit der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält sich in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum Schreckenburg. Die Armee ist fast ständig beurlaubt bis auf sechs Mann, wovon einer den Nachtwächterdienst besorgt. Einmal wurde in einem Winkel dieses Reiches ein unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst nicht als Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten Leute von Schreckenburg lasen auch manchmal eine Zeitung, in der des Wunderbaren und Nützlichen viel berichtet wurde. Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die Staatsbürgersteuer eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages eine Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß auch im Erzfürstentum die Staatsbürgersteuer eingeführt werden möchte, maßen doch auch die Schreckenburger treue Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für ihren durchlauchtigsten Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange das Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in der Welt zu viel Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr zu Jahr der Viehpreis, weil jedes Land schon mehr und mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es verschlechterten sich die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um die Einführung der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem Irrtum befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer würde in anderen Ländern vom Fürsten geleistet an seine braven Untertanen; gerade das Gegenteil wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer dem Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung waren die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der Gütige legte dem Sprecher die Hand auf die Achsel und versicherte, für das Wohl seines Reiches auch fernerhin das möglichste zu tun, besonders im Straßenbau und in der Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu lassen. Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon sie wußten, daß die Universität nicht allzu ernst gemeint war. Der Fürst liebte es, in launigen Stunden das allerdings schon gebrechliche Volks- und Gewerbeschulgebäude zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für eine spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte ins Ausland gehen.