Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger nicht unbedrohlichen Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. Der hatte ein großes Reich und viele Mannen, war aber nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am Bau einer Grenzbrücke über die Luser. Für das Fürstentum war diese Brücke schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der Herzog aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen und brauche keine Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. Othmar bot seinen Heerbann auf und zog auf Umwegen, da die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen die herzogliche Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt hatten, schickte der Herzog einen Gesandten herab. Das war ein Edelknabe, und der lud im Namen seines Herrn den Feind samt und sonders auf einen Löffel Suppe ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere des großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern versehen war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen und versorgt mit allen schrecklichen Pulverwaffen der Neuzeit. Fürst Othmar soll hieraus »Kehrt euch!« kommandiert haben und an der Spitze seiner Armee friedlich heimwärts gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen Feldzuges, aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren, haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn ein Denkmal aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf dem Marktplatz empor und zeigt den Fürsten auf dem Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner Erzherrlichkeit, in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr zu sehen war.
Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf Reisen gewesen, in allen Weltteilen, und stets bei Königen und Kaisern zu Tische geladen, was die Schreckenburger mit besonderem Stolze erfüllte. Auch ging im Reiche die erhebende Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von Schreckenburg mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und du stehe.
Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.
Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe stand, hätte jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte gehalten, wenn nicht über dem Tore das Wappen der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler, angebracht gewesen wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut, hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, helle viereckige Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über dem flachen Schindeldach ein zierliches Türmchen für ein Glöcklein, das den Nimbus einer Sturmglocke trug, tatsächlich aber nur zu den Tageszeiten geläutet wurde. Ein Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen Gesinde.
Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden Gutsbesitzers und bestand aus sieben Personen, den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn es Gäste gab, im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am Tore zu stehen hatte.
Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das Haupthaar voran zu schüttern und hinten zu grauen beginnt. Er war stets glatt rasiert und trug eine goldene Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag war, in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme des Propstes und des Reichshauptmannes der einzige im Reiche, der gewichste Stiefel trug. Wenn er zu Fuß durch das Fürstentum wandelte, lief alles, jung und alt, auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger ganz leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, so auf dem Marktplatze stand in Erz für alle Zeiten. In Wahrheit schaute der Fürst aber auf dem Pferde aus wie ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken reitet. Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht, obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen Gewerbestand angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit beobachtete. Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren und Liebhaber der Schreckenburger Schönen noch leidlich gefallen, wenn der Fürst aber artig wurde und den Weibchen die Wange kneipte, da empfanden sie so etwas wie die Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, seinen Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit abzugeben. Für einen Seelenkenner wäre es vielleicht nicht unschwer zu merken gewesen, daß Fürst Othmar die Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht so sehr die Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und des nahenden Alters.
Eines Tages war er unten im Tale in ein altes Bauernhaus getreten, um mit dem Nachbar eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Da fielen ihm die stattlichen Kästen und Truhen auf, die in der Stube standen. Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte den Bauern, ob er ihm diese schöngebauten, festgefügten und kunstvoll geschnitzten Kästen nicht verkaufen wolle?
»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, »die Kästen da geben wir nicht her, sie sollen schon im Haus bleiben für unsere Kinder und Kindeskinder.«
»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« meinte der Fürst.
Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut gehen. Die jungen Zimmerleute nennten sich zwar jetzt fürnehm Meistertischler, brächten so was aber nicht mehr zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch nicht den Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig sein, gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom Wald verkauft. »Nachher kreistet's und kracht's, nach einem Jahr kann man die Finger in die Fugen und Sprünge stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das Kameltier oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, die alten Kästen geben wir nicht her.«