»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.

»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt versammelt zu haben.«

»Verschwörung? Revolte?« –

Um diese Zeit war es, daß der König eines großen Nachbarreiches von dem Hochgebirge herabkam. Er war nach einer Reise aus den südlichen Gegenden heraufgekommen, hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende Schwester, die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause zu begleiten. Der König hatte »seinen lieben Vetter«, Othmar III., benachrichtigen lassen, daß er in zwei Tagen durch Schreckenburg reisen werde. Da hieß es nun einmal, sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe wurde aufgemacht, und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten ein paar kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen der Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der seidene Rock hatte die Meinung grün zu sein, schillerte aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es bei einem charakterfesten Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe, die breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden Sterne und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene Kragen war allerdings etwas zu wulstig, um dem an Freiheit gewöhnten Herrn die Kopfbewegung uneingeschränkt zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden Reichshelm prangte der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen Flügel schwer zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen widerspenstig um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung nach rechts oder links zu machen hatte. Die Quaste des Griffes baumelte unten bei den Knien aufsichtslos herum. – Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft vor seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten Sorge nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits hatte er seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt zum Straßenwirt mit dem Befehl, die Brücke freizugeben für allerhöchste Herrschaften, die an diesem Nachmittage durchreisen würden. Die Antwort, die sie zurückbrachten, war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht hoffähig. Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, wenn der Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege begrüßen müßte! Sofort eine zweite Abordnung zum Brückenwirt: Was denn eigentlich der Herren Begehr sei! – Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht wohl. – In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er wußte, daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, so konnte er sich's nur halb und halb denken. Es mag ja unsinnig sein, das mit dem Mädel – so dachte er sich zu – es mag ja Dummheit eines besonders entwickelten Johannestriebs sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor, und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen politischen Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung bitten, daß er ein hübsches Mädel gerne anschaue? So weit wird's wohl noch lange nicht gekommen sein. Zwar kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden! Es ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege heim. – Er besichtigte seinen Thron, der im Saale stand. Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem Leder ausgepolstert, mit silbernen Nieten verziert. – Das Holz war alt, aber kaum ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so einer, wie der Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? Denn für zwei nebeneinander hat der Sessel, genau besehen, nicht Raum. – Na, es wird sich ja noch schlichten lassen. Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein gewöhnlicher Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten Burschen vergessen, mit wem sie's zu tun haben. – Es wird sich alles ordnen, bis wir klar sehen. Nur die hohen Herrschaften dürfen nichts erfahren, denn die Geschichte ist zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch sonst sehr oft das beste ist – aus der Not eine Tugend zu machen. Das Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft ist stets eine Tugend gewesen.

Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel war tätig im Fürstenhause einen halben Tag lang. Die Beschließerin warf einen schwellenden Sack mit Eiderdunen ins noch unfertige Himmelbett. Etliche Schuljungen, vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden in weiches buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche schlank und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit Helm und Lanzen bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, und mit solchem Hofstaate zog der Fürst den Reisenden entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen Rappen. Oberhalb des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß der König und die Prinzessin. Der König sah mit seinem weißen Vollbart und im grauen Lodengewand aus wie ein Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach da; sie hatte weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit ruhiger Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse gestiegenen Fürsten die Hand, die er küßte. Das umstehende Volk freute sich des Anblicks und war stolz auf die ritterliche Erscheinung seines Fürsten, den es noch nie in diesem unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König dasteht vor einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist ein prachtvoller Herr!« Ein behendiger Alter schlug mit den Armen um sich und flüsterte in die Leute hinein: »Die unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen könnten! Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«

Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen geheißen und sie eingeladen auf sein Schloß, zur Rast auf einige Tage.

»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät. »In zwei Tagen ist die Eröffnung unseres Reichstages, da müssen wir zu Hause sein.«

»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung und Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.

»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja das schönste Wetter.«

»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es wird auch anhalten. Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, daß unten an der Luserbrücke der Verkehr unterbrochen sei,« sagte der Fürst beklommenen Atems und setzte gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber noch nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten, dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron dem Zufalle außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so liebe Gäste in den Schoß werfe – konnte dazugedacht werden.