Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs Andeutungen vernommen hätte, als wäre an der Luserbrücke etwas nicht richtig. So als ob sich dort allerlei Gesindel zusammenrotte.
»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage freizumachen,« fiel der Fürst ein.
»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige Einladung annehmen,« entschied die Prinzessin, »denn über eine schadhafte Brücke fahre ich nicht, niemals!«
Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, die Wägen fuhren langsam hintendrein und das Gefolge kam zu Fuße nach. –
Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt die richtige Begeisterung gekommen. Man hatte für den Krieg auch schon einen Namen. Mädeljäger-Krieg! Ging er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst kamen sie herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie das Feuer seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand rasch den nötigen Schwung. Früher hatte man nie viel davon gehört, und jetzt wußte jeder zu sagen vom gefährlichen Mädeljäger, von bedrohten Weibern und eroberten Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei! In äußerste Erregung geriet der Fischer Winard, denn jemand hatte erzählt, daß man in der Nacht den Zimmermann Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet habe – in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen das Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte sie dem Wüstling zu. Darum also die ganze Tischlerei im Fürstenhause! – Der Winard brachte stockend kaum die Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt heut' bei der Nacht das Schloß stürmen.«
Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, der ein junges Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. Es war die große, gemeinsame Sache. –
Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster des Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. War Seine Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt gewesen auf diesem gar so schlichten, stillen Landsitz, Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester, gefiel es gar wohl. Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein trauliches Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und nicht Greis, er war ein stattlicher Mann von angenehmstem Wesen. Ihre Hoheit war in einer sehr getragenen Stimmung, es war nicht Lust und es war nicht Weh, es war so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen Stunde die Hunderte von Fackeln heranloderten über die Matten, lärmend, knallend und jauchzend, da waren die Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die Ovation, die ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht werde. Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer zu kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, sich von den Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten in solchen Dingen kein Maß und Ziel, sie wären manchmal ein wenig zu unbefangen für ein Damenohr, er würde dann selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es gesagt hatte, war draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene Einfahrtstor sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen Baumstamm.
»Ein Überfall?« rief der König.
»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's mir gilt, gut!« Er eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm nach, fiel ihm in den Arm und kreischte in höchster Angst: »Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«
»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom Lindenbaum her eine Stimme.