»Ist sie's?«

»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«

Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das ist meine Braut, Ihre königliche Hoheit, die Prinzessin Aglaia von Bramburg!« –

Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen worden in diesem Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren in die Wirtshäuser des Reiches. Hatten die Leute zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen geschah, so schlug der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit um. Sie hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon vorüber, doch noch immer nicht Matthäi am letzten war! Wer soll da nicht als warmer Patriot eins trinken über den Durst? – Als der nächste Morgen tagte, gab es um das Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das bräutliche Paar.

»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte der Fürst und legte die zarte Hand der Braut zwischen die seinen. »Gestern um diese Morgenstunde haben wir einander noch nicht persönlich gekannt – und heute –!«

»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief sie hochbeseelt, »ich habe deiner immer gedacht, mein Herz hat dich immer gesehen, dich, wie du bist, da ich längst noch nicht wußte, daß es einen Fürsten Othmar gibt. Ich wäre achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen Mann zu sehen als dich. Und du?«

Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete er bloß: »Meine Empfindung läßt sich gar nicht schildern.« –

Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er seine Hedwig nicht mit fürstlichen Rössern in sein Haus führen konnte, das wurmte ihn kläglich. Und doch war er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu haben. Wo aber war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem Almhirten begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten im Hochgebirge dem krummen Zimmermann mit einem jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen das Welsche hinüber hätten sie die Richtung genommen. – So sauber! Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den Krieg erklären.

Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht ungelegen, daheim drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und drüben am Waldrande stand aus alten Zeiten her noch immer so etwas, wie ein aufrecht ragender Holzblock mit einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs plünderte er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. Am ersten Abend sprach er unterwegs in einer Sennhütte zu. Anfangs unterhielt er die Sennin mit einem behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur hängend munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang und sich dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. Dieses possierlichen Anblickes wegen tischte die Sennin eine Schüssel Milch auf. Dann langte der Bursch aus der Hosentasche ein kleines Schildkrötlein hervor und ließ es über den Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte gegen sie hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, der solche Ungeheuer mit sich führte, buk sie ihm auch noch einen Eierkuchen. Nachdem dieser mit Wohlbehagen verzehrt worden war, gestand er der Sennin, noch etwas bei sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange ringelte. »Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die Sennin kreischte vor Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein tut ja nichts, es ist bloß eine junge Viper.« Die Sennin hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und Schweinen abgegeben, als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch noch Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. Erst am nächsten Morgen fragte er, ob sie nicht einen alten krummen Mann mit einem jungen Mädel hätte des Weges gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.

Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange totgebissen. So warf der Bursche auch die Schildkröte ins Heu, und leichten Mutes zog er weiter gen Welschland. Am zweiten Tage sprach er in einer Kohlenbrennerhütte zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von der Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib artig zum Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die Köhlerin ihm zu berichten, der krumme Alte mit dem jungen Mädel sei erst gestern gesehen worden und sitze unten in der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. Nur war es nicht der Zimmermann Reimar und seine Enkelin Hedwig, sondern ein welscher Scherenschleifer mit seinem Kinde.