Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie einen ihrer Irrtümer eingestehen und nie umkehren wollen. Diesmal aber war die Überzeugung, daß er auf dem Irrwege ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er sich noch immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, bis er über einen Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken fiel. Ein paar Tage später war er doch wieder im Gebirge, und da hörte er plötzlich von einem Hirten das Wort ausrufen: »Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«

Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War nicht der Fürst so genannt worden? Wahrhaftig – dachte sich der Bursche – das stimmt auch bei mir! Bei mir vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer Woche! Ihr und so weiter. – Jetzt fing er sachte an, sich zu schämen. Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, mißmutig bei einer Pechbrennerklause kehrte er zu, einen Löffel warmer Suppe erbittend. In der Klause saß der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese Wiege, so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. »Wo ist die Hedwig?« schnob er.

Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem Knie ruhen und antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. Ihr habt gerauft um sie, so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich hab' das Mädel gut versteckt, du findest es nicht. Der gnädige Herr auch nicht.«

»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte Prinzessin. Und ich muß die Hedwig haben!«

»Mußt sie haben? Na, dann ist's was anderes. – Mädel!« rief er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie war gerade bei den Pechersleuten unter dem Baume. Blieb aber nicht kleben an dem Baumstamm, der von Holz war, sprang dem Burschen an den Hals, der von Fleisch und Blut war.

Jetzt ist die Geschichte aus. – Wie? Die Wiege geht euch noch im Kopfe um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. – Aber sollen sie denn hocken bleiben beim Pecherpaar in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst Othmar der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war nur einer vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard jubelnd begrüßt, als er mit seiner Hedwig zurückkehrte ins heimatliche Fürstentum.


Lieb' läßt sich nicht lumpen.

Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden sich zwei Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden erregten. Eine anmutige, etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner junger Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten sie kaum sein, dafür war das dunkle Auge, mit welchem die Frau manchmal auf ihn blickte, viel zu unstet, zu gewitterhaft, und dafür war das Wesen des jungen Mannes manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend – ein zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. Als der »Poseidon« von der deutschen Küste gegen den Westen abgedampft war, hatte die Frau heftig geweint, hatte der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter gelegt, bis sie plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang und ihn küßte. – Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt? Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? Oder hatten sie sich sonstwie verfahren in der Alten Welt und steuerten nun der Neuen zu, um in ihr einen frischen Lebenslauf zu versuchen? – Also fragten die Mitreisenden sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort geben konnte.