Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein wohl kaum gedacht an jenem Tage, als sie mit zwei Rappen vom Kirchhofe zurückfuhr – eine Witwe von einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr sonst lebensfreudiges Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe die Sonne als trübe Ampel hing. Damals war ihr unmöglich zu denken, daß in ihrer schmerzerfüllten Brust jemals noch ein irdisches Begehren wach werden könnte. Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte sie sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun an lauter Gutes zu erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, daß es ihnen nicht so sehr für diese, als vielmehr für jene Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte sich vorgenommen, ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe zu Stufe emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem so früh Verlorenen sie wieder zu begegnen hoffte.

Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst die Glücklichsten ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! War Johanna von Martenstein, das blendend schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze ihrer Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu Oswald von Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, daß sie selbst manchmal schauerte vor der Gewalt dieser Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein ganzes Jahr und drei Tage – nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes Schießgewehr getötet. O gleißendes Geschick mit deinem »Zufällig!« Da doch das darauf Kommende so folgerichtig ist, berechnet auf ein einsames Menschendasein voll grenzenloser Trauer!

An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe heimfuhr gegen ihr Bergschloß, scheuten im Dorfe vor einem Dörcherkarren die Pferde und traten eines der halbnackt umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das Gespann wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein zu sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten nachfragen, ob es ihnen gehöre, und was sie in diesem Falle verlangten an Vergütung.

Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von Branntwein riechender Mann, kroch aus dem Blachenkobel hervor und erklärte rülpsend, an Vergütung erbäten sie drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als der gute Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur behalten, sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.

Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen Wink des Himmels, den Knaben zu sich zu nehmen, ihn aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen, gottselig zu erziehen, ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also an die Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit der Bedingung aber, daß dieselbe an den Knaben keinerlei Ansprüche mehr mache, ganz als wäre er gestorben und begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile gewonnen. Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der würde gesehen haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. Das Lebendigbegrabenwerden eines solchen Würmleins im vornehmen Herrschaftswagen konnte der sonnengebräunten Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des Blutes und nach einigem Wimmern neben ihr auf blauem Samtkissen schlummerte, ein wenig ihres Geschickes, und sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus diesem armen Kinde eine Ehre Gottes zu machen.

Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine Konrad selbst, der das fahrende Dörcherdach vertauschte um eine feste Ritterburg, deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet hatte in das rote Meer des bürgerlichen Geblütes, also daß der Stromerknabe kein allzu fremder Eindringling war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende bezeichnet, und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter gutem Zeichen einzog durch das hohe Tor, aus welchem sie drei Stunden früher den toten Herrn davongetragen hatten.

Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand nicht mehr ab. Wie es unter diesem schwarzen Winter dem jungen Herzen gehen wird, das muß die Folge zeigen.

Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses sein Stübchen und seine Wärterin bekommen, und wurde vorbereitet für die Schule, zu der er denn auch bald hinabtrippelte in das Dorf. Täglich ein paarmal sah ihn die Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmerchen herrichten, in dem er spielen und lernen konnte. Die Schule war mit ihm zufrieden, und als sie im Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt war, sprach Frau von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer des Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in das lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden zu lassen. Der Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte sie in derselben und versprach, die nötigen Schritte einleiten zu wollen. Also geschah es, daß Konrad nach fünfjähriger Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam und dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in Gegensatz bringen zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder sachte und ruhig, oder unter Krämpfen ablösen von dem Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des Gedanklichen und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so recht in das blühende, gährende Leben hineinranken, wird nicht beachtet.

Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es allemal lebendiger und frischer auf Martenstein, und die junge Frau im schwarzen Gewand hatte manche Freude. Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den munteren Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten Baumgarten auf die lustigste Weise umherregierte, die Wildtauben jagte, aus dem Bache Forellen fing, auf den Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette kletterte und anstatt eines vollbrachten Lateinpensums lebendige Vögel, die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie ihn oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. Und wenn er im großen Teiche schwamm und oft minutenlang unter den Wellen blieb, da bangte ihr um ihn, bis sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser hervorstand. Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: Es wird ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!