Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne Stadt, da empfand Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, und sie zählte die Monate, die Wochen, die Tage, die Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz so, wie er fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er schlanker geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen tieferen Ton angenommen, war es, daß an der Oberlippe und unter den Ohrläppchen junger Bartanflug schattete, war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster erschien – mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.

Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, wo sie zu frühstücken pflegten, und ihr den Morgenkuß darbrachte, zuerst auf die Hand und dann auf den Mund, fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst betroffen zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl: diese Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er möge seiner Ehrerbietung für sie stets nur in strenger Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.

Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und nahm schweigend sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich nichts dafür, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, und daß die Dankbarkeit, die er für seine Gönnerin empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der Schloßfrau war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein Gefühl, welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen Lebens gewesen, zur Gefahr sich steigerte. Noch an demselben Tage mußte Konrad übersiedeln in den entlegensten Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer auf das sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna sich aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt und befangen fühlte. Um den Rest der Vakanzen – es waren die letzten vor der Priesterweihe – dem jungen Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm sie eine Reise nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen hoffte. Aber was sie hoffte, das fürchtete sie, und was sie fürchtete, traf ein. Konrad war bereits abgereist in das geistliche Institut und hatte ein Schreiben zurückgelassen, in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem er versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu beten, und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die Zeilen nur geschrieben worden waren, um alles zu verschweigen, zu verhüllen, was in dem leidenschaftlichen Herzen des jungen Mannes vorging – Frau Johanna müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig zu ahnen.

Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht. Zornig schrieb sie an den Jüngling, er sei undankbar, daß er solchergestalt fortlaufen könne. Und in einem fast heftigen Schreiben an das Institut verlangte sie den Theologen. Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus eigenem Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, auf der er bald pflichtvergessen und unglücklich werden müßte. Sie rufe ihn daher zurück und wolle ihn für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. – Als die Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden? Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, was Gottes ist! – Das Institut antwortete nicht anders, als daß der Tag bekannt gegeben ward, an dem Konrad seine erste Messe lesen werde. Frau Johanna atmete fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht der Versuchung, und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer Standhaftigkeit wieder zurückzuerobern. – Es ist vorbei, also beredete sie sich selbst, die Zeit meiner Liebe liegt weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg: dem Himmel zu.

Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, zu der Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage rüstete sich die ganze Gegend, das Dorf und auch das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den alten Dorfpfarrer ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit im Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der alte Herr mit einigem Befremden, sagte ihn aber gerne zu. Am Vorabende des Festes erschien Konrad. Er war im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch tauiger, neben der Tonsur kräuselte sein braunes Haar noch reicher und lockender. Als er hörte, daß seine Wohnung im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am dunkelnden Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna im Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, in ihrer Hand einen frisch geflochtenen Kranz aus weißen Rosen.

»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich muß dich schwer beleidigt haben, daß du mich verstoßen hast!« Er ließ sich vor ihr auf die Knie, und sein Körper bebte.

»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte sich, suchte ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand und drückte die heftig an seinen Mund.

»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, fast zornig. »Du bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn mit beiden Armen an sich, bedeckte seine Stirn, seine Augen, seinen Mund mit Küssen. – Frau von Martenstein! – Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter? Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie der Säugling sich festschmiegt an die Mutterbrust … Aus dem Tale klangen die Kirchenglocken, da tauchte Frau Johanna ihn mit beiden Armen von sich, und ehrfurchtgebietend wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein Auge. Sie wimmerte unter der Last des einsamen, freudlosen Lebens, sie wollte beten um Kraft, um Entsagung, aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!

Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem Ornat, am reichgeschmückten Altare stand, auf dem Haupte eine Krone aus Rosen, umgeben, bedient von einer Priesterschaar, umklungen, umjubelt von Musik, wie ein Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt dankte sie Gott, daß rein das Opfer am Altare stand. Konrad war anzusehen wie eine aufrechtstehende Leiche, so fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine Bewegung, so erloschen sein Auge.

Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein gefaßt, beinahe heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, als wären sie zu Marmor geworden seit zwei Tagen. Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr, ernst und still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus stand.