Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer Siegesfreudigkeit. Als alles vorüber war, und wieder der Alltag herrschte auf Martenstein, als sie sich vorstellte, daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben müsse, daß nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische Pein. Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, wie Vorwurf – Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte sie den Knaben aus der Armut gerissen, um ihn ins Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht geboren ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben von handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht besser als ein Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie liebesdurstig er ist! Etwas, das nicht ihr Eigentum war, hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil ihres Seelenfriedens zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam hat sie der Kirche überantwortet, einer Braut, die den Gespons zur himmlichen Seligkeit erhebt oder schon auf Erden verdammt macht. – So deutlich hatte Frau Johanna noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.
Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann ihren Irrtum noch gutmachen, ihm noch Genugtuung geben … Das wäre die Stimme des Gewissens, meinte sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, und Lieb' läßt sich nicht lumpen.
Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder einmal den alten Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, ob das landwirtschaftliche Erträgnis des Jahres auf seinen Feldern wohl für die Bedürfnisse reiche, oder ob sie ihm mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte, was er habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf brachte die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag zu Tag älter, es falle ihr manchmal beschwerlich, zur Pfarrkirche herabzusteigen, besonders zur Winterszeit. Also beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder instand setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin die vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die heilige Messe im Schlosse lesen lassen.
»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.
»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete Frau Johanna.
»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende Frau, nicht herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, der ziemlich in den Achtzigern stehende Mann, täglich zu Euch hinaufsteigen, um die Messe zu lesen?« fragte der Greis.
»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete die Frau von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst einen Schloßkaplan halten. Und in dieser Angelegenheit wollte ich um Eurer Hochwürden Vermittelung gebeten haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel ich weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir ohnehin in verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«
Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, warum habt Ihr es nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem jungen Manne zusammenleben wollet? Jetzt ist es zu spät, er hat die Weihen des katholischen Priesters, und Ihr wisset, was das heißt.«
Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb erraten sah; zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht wegen solcher »die gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, machte eine schlaue Schwenkung und sagte, es müsse ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr nur eingefallen, sie wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden, damit böse Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die Neigung nicht ganz verborgen geblieben, die in dem jungen Priester für seine Gönnerin keimte; und gerade seine plötzliche Kälte und Versunkenheit machte ihn nachdenklich. Der alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu verhüten, schrieb an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung aus, daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, bei seiner weltmännischen Befähigung und der unternehmenden Tätigkeit desselben geraten sein dürfte, den jungen Priester nicht in eine ruhige Seelsorge seiner Heimatsgegend zu setzen, sondern diese schätzbaren Eigenschaften vielmehr auszunützen etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern. Mehr sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.