Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und Wege gesonnen, Konrad wenigstens als Leutepriester auf eine der Pfarreien zu bekommen, über welche sie vermöge alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war ihr unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern sein sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme rief: Johanna, wozu verlangst du dir den jungen Priester? Zum Beichten oder zum Sündigen? – Noch im Halbschlaf rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!
Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs Monate verflossen, da erhielt Frau Johanna ein Schreiben folgenden Inhaltes:
»Teure Mutter!
Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, daß Menschen, die sich allzulieb haben, weit auseinander müssen. Du kannst Dich verstellen, wie Du willst, ich weiß, daß Du mich liebst. Aber wir sehen uns nicht mehr auf dieser Welt. Über mich ist beschlossen worden, daß ich nach Ostindien reisen muß als Missionär. Heiden bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich bin kein Mensch mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist alles aus, in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem Orientzuge ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es mit mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb' und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht in jenem.
Konrad.«
Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr gar nicht so zumute, als müsse sie verzweifeln oder verzichten. Im Gegenteil, sie fühlte plötzlich eine bisher ungekannte Kraft und Kampflust in sich. Der Brief war voll blutigen Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin kein Mensch mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß es ihm wieder geben? – Durch des Weibes Gehirn wogten frische Pläne. – Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! Alle Dazwischenkunft in der Stadt ist zu spät. Doch zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden? nicht durch die Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von Martenstein entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, einsamer Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, um Wasser zu schöpfen? – Die Frau war entschlossen.
Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem ausgebrannten Vulkan. O, wie hatte es getobt, geloht! – jetzt war es still. Man sagte ihm, er gehe in einen fremden Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von seinen Genossen waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die Ungläubigen bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut verließen sie die Heimat. Konrad saß einsam an einem Fenster des bereits hinrollenden Zuges und war vertieft in sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an nichts dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen, der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte er müde hinaus auf die Landschaft, und wie Wälder und Wiesen, Berge und Täler versanken von diesem schönen Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht, wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist ohnmächtig geworden. – Der Zug rollte über Heiden, rollte in einer Felswildnis, durch eine Waldschlucht. Nun stand er still. Auf dem Bahnhof brannten zuckend ein paar Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus, niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich schreckte Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen rufen gehört. Dort an der Wand stand eine schwarze Gestalt, die rief laut, wenn in dem Zuge ein hochwürdiger Herr namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick ins Freie kommen.
Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg aus. Die schwarze Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte ihn heftig in den Hintergrund durch das Tor, stieß ihn in einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug zu, und die Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.
Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an Seite der Frau Johanna von Martenstein saß.
»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich so im Wagen heim.«