»Du wolltest – mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.«
»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, »laß mich rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will dir dann was sagen.«
Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die Tür ab.
»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die Knie.
Ich habe ihm alles gesagt – alles.
Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er die meinige hielt, zitterte.
»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt, ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir die Qual mildern, vielleicht dadurch, daß ich dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit dem Christabend.«
So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige Male das Zimmer auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal, da ich etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln, einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber als ich das Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort deine nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen, denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las alles.«
»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus.
»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt war vor dem Tage, da wir uns die Treue geschworen. Ich entschuldige nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches sie in dein Herz warf.«