»Und das Kind?«
»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere Betrübnis in mir, da mich die Tatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es ist mein Kind, wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es, durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts anderes wissen. Nicht der Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser machte es zum Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein tierisches Band ist es, das mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du sehen, daß keines andern, daß mein Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht. Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so teuer erkauft hat, als ich das meine.«
In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann an seiner Brust.
»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit dir zu sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder dir so geschienen haben. Aber ich hätte von dir so viele Kenntnis meines Wesens und Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste gewesen wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt noch vor der Geburt des Kindes erwartet; es hätte dir Beruhigung und Mut gebracht, es hätte dich meinem Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu können. Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem Gewissen, und ohne von mir den Beweis der wahren Liebe, den ich heute erbringen kann, hören zu können! Das alles war nicht, aber verlassen wolltest du mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein größeres kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch schmerzlicher, als die erste es war …«
An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.
Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Träne …
Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen als eine Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter – mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen – zu veröffentlichen.
Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als erstes, ob die Skrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des Mannes wohl das richtige Verständnis finden werden?