Die Kokette.

Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie ein Blinder von der Farbe. Kokett nennst du es, wenn eine Dame durch auffallende Farben, Bewegungen, Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht. Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und ein wenig versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein wenig erröten kann, wenn sie ein wenig anzieht und ein wenig abstößt und so die Herzen der Männer bearbeitet, bis sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie lichterloh entbrennt, sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen. Das ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.

Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und will dir erzählen; willst du keine Lehre daraus ziehen, so magst du dich wenigstens für klüger halten, als ich war – und das wird dir sicherlich ein großes Vergnügen sein.

Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als Student eine Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie fortgeholfen hätte. Also gewann ich auch durch Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei Stunden bei einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige und großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge war und am Busen eine Kamelie oder eine rote Rose stecken hatte. Sie konnte nicht älter als vierundzwanzig Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war oder ledig; das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, den ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern, die sehr luxuriös eingerichtet waren. Zumeist herrschte in ihnen ein künstlich hergestelltes Dunkel und ein betäubender Blumenduft. Die Blumen und ihr Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft, ihre Nahrung, ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den Männern der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre ihr die Blume; was den Männern das Spiel, die Gefahr, das Weib sei, das wäre ihr die Blume. Die Blume sei das einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts Schlimmes erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.

Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die junge Dame schon für Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen bestanden; natürlich wagte ich nicht zu fragen und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre persönlichen Verhältnisse mit keiner Silbe.

Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den stenographischen Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem Zwecke sie die Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal nur äußerte sie, solche mache ihr Spaß und sei ein netter Zeitvertreib, während ich immer der Meinung gewesen, die Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr die Sache doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in den Sessel zurück und machte den Vorschlag, lieber ein bißchen zu plaudern. Nun wußte ich über nichts eigentlich zu plaudern, als über Gabelsberger, denn ich war ein ganz unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft sich stets bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte sie gnädige Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald die Unschicklichkeit dieser würdigen Ansprache, denn die Dame kam mir manchmal sehr jung vor und ich nannte sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie Heines Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am besten gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, wobei sie manchmal seufzte und schwermütig ward.

Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns der Tag nicht mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, da wurde die Lampe angezündet, die einen roten Schirm aus Seidenpapier hatte, so daß die Schreibeblätter und die Hände und die Wangen einen rosenglühenden Schein gaben. Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und sie bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach der Schnellschreiberegel ist. – Zwei Minuten nach Ablauf der Stunde pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin zu verneigen und davonzugehen. Bei solchem Fortgehen kam ich mir sehr einfältig vor und ich ärgerte mich nachher, daß ich nicht artiger gewesen war gegen das liebenswürdige Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft halbe Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das nächste Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das nächste Mal wieder neben ihr saß, wieder die stille Lampe brannte, wieder ein Heinesches Gedicht gehaucht wurde, war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte mir insgeheim den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war, zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine Schülerin noch ein bißchen nachsitzen lassen solle.

Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein die etwas überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen werde und daher den stenographischen Unterricht leider unterbrechen müsse. Sie händigte mir die Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere Hälfte stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir eine Gunst ausbitten wolle – ein Andenken von mir – eine ganz kleine Haarlocke.