Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache ins Scherzhafte ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes Herz verdecken. Sie antwortete, das wisse sie schon und schnitt mir unter unsagbar zarten Berührungen vom Nacken links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im richtigen Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen, wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das Fräulein stand eine Weile sinnend, endlich flüsterte sie: »Also denn – es ist bestimmt, in Gottes Rat!« damit steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein in das Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.
Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht nachzuempfinden Ich fühlte mich ganz und gar verwaist, mir war, als hätte ich die einzige Schwester – he, bloß eine Schwester? – verloren. Täglich mehrmals ging ich durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die mit Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. Um Neujahr waren die Fenster plötzlich wieder offen, ich erschrak wonnig. Aber es waren nicht mehr die dunkelroten Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge, zwischen denselben schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.
Also dahin für immer!
Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und legte sie gepreßt in das Etui, in welchem das Bild meiner verstorbenen Mutter war. Von ihr hatte ich kein Bildnis, um so lebhafter baute und malte die Phantasie an ihrer Gestalt, bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und ich wußte nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht nach Osten aussenden oder nach Westen, um sie zu finden.
Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer und Freude, über Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb dabei nur der Vorteil, daß ich älter und reifer wurde. Nach einem halben Jahre war die verreiste Schülerin glücklich verwunden und nach einem Jahre vergessen.
Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im zweiten Jahre auf der Universität war, erhielt ich eines Tages ein Paket zugeschickt. Kein Brief und kein Name war dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen Orte, dessen Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. Ein Unterricht für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort war nicht angegeben, hingegen stand an der Stelle desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem unvergeßlichen Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«
Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der Liebe Unterricht erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die Stenographenstunden mit Fräulein Stachari. Dieses schöne Buch sollte wohl der Rest des Honorars sein. Jedenfalls habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus meinem Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der Liebe durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, daß irgend ein Mensch blöde sein könne. Lebhafter stieg die Erinnerung an die junge schwarze Dame in mir auf, aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte alle Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz klein, vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, ihre Adresse zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar und fern in Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun nicht mehr an anderweitigen Zerstreuungen, doch tat es mir leid, wenn ich an das Fräulein Stachari dachte.
Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die Studien waren vollendet, ich gewann an der Universität zu G. eine Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und ernster werden und begann mit tieferen Absichten nach dem schönen Geschlechte auszublicken. Eine Advokatentochter war, mit der ich Verkehr anzubahnen suchte. Zur selben Zeit erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der Tasche trage.
Prag, am 20. Juni 1884.
»Verehrter Professor!