Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern an eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher Sie stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir doch so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange ist es her! Die Stenographie habe ich gottlob vollständig vergessen, wozu auch hätten wir Frauen den Mund und manchmal sogar einen frisch roten, wenn wir uns nur aufs Schreiben verlegen wollten! Weniger habe ich des jungen Lehrers vergessen, der war stramm wie ein Leutnant und schüchtern wie ein Mädchen in der Fibelklasse. Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber das andere sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch bei der kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie lebt in den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin, die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber gern ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, falls er ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, so flüchtig, und manche Frucht, die in kindischen Jahren sehnsuchtsvoll gesäet worden, reift so spät! Aber nicht zu spät.

Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor Reisen machen, die Welt genießen und auch Prag sehen müsse? Ach, so halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste ist, daß Sie in Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen und mit ihr einen ganzen Abend lang von alten schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird das hübsch sein! Sie dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus nicht so lange warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit nicht noch mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht, schließe ich rasch; das Weitere ist Ihre Sache.

Ihre

Josefine Stachari.«

Noch ist die genaue Adresse angegeben.

Jetzt war mir etwas eigentümlich zumute. Das ganze nun zur Leidenschaft gesteigerte Fühlen für die geheimnisvolle und doch so offenherzige Dame ward in mir wach. Ich setzte mich hin, schrieb einen Brief, in dem ich mit heftigen Ausdrücken der Ungeduld mein Kommen anzeigte. Der Brief selbst war eine so ungestüme Umarmung, daß ich ihn nach der zweiten Durchsicht zerriß. Der Weg von G. bis Prag ist kein Spaziergang zu einem Stelldichein, aber hatte ich nicht schon seit langem im Sinn, nach dem schönen Dresden, nach dem großen Berlin zu reisen? Dabei ließe sich Prag ja sehr leicht machen. Ich bekämpfte jetzt mein Temperament und schrieb der Dame mit einer den Zuständen durchaus nicht entsprechenden Ruhe, daß ich vorhätte, demnächst auf einer größeren Reise Prag zu berühren, bei welcher Gelegenheit ich nicht verfehlen würde, sie aufzusuchen.

Wenige Tage später war von ihr der zweite Brief da:

»Liebster Herr Professor!

Diese Aufregung! Diese Freude! Diese Angst! Ich kann mich kaum fassen, ich kann es nicht glauben, daß es sein soll, Sie hier zu sehen. Es wäre zu herrlich! Ich habe Ihnen so viel mitzuteilen, anzuvertrauen; aber Sie müssen mir versprechen, ritterlich zu sein gegen ein hilfloses Weib, dessen verzagendes, seliges Herz Ihnen entgegenschlägt. Ach wie lange war die Zeit, wie einsam war mir oft unter meinen Blumen! Ihr Schreiben hat mich über alle Maßen glücklich gemacht, haben Sie Dank! Und kommen Sie rasch, setzen Sie sich auf den nächsten Zug, fahren Sie Tag und Nacht, ich vergehe vor Ungeduld, Ihnen mein Glück an den Busen zu legen. Sagte mir meine Ahnung doch schon lange, daß ich mich an Ihnen nicht täusche, daß Sie nicht täuschen können, mein teurer, mein lieber Freund. Nur müssen Sie nichts Arges von mir denken über meinen unbändigen Freimut, ich bin ein Weib. Die Stunde, wann Sie mich finden, kennen Sie, es ist unsere Stenographenstunde wie vor fünf Jahren. Fünf Jahre jünger bin ich geworden durch Ihren Brief, haben Sie nochmals Dank und eilen, eilen Sie zu Ihrer Freundin

Josefine Stachari.«