Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast unheimlich. Für ein nettes Abenteuer baute sich die Sache fast zu groß auf, das läßt sich nicht so leicht abhaken, wie es angehakt ist. Das war nun doch einmal ein Weib, wie ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes, heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in meiner Erinnerung auch ihr Bild wundersam reizend und schön geworden war, habe ich dir ja schon gesagt.
In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen Koffer und reiste Tag und Nacht der alten Königsstadt Prag zu. Es war mir zumute wie auf einer Brautfahrt. Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht, wie sie auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war das Werk einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig die Reinheit hüten, sie wollte mich frei lassen, frei leben und frei wählen.
Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf bis sechs Uhr gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war mein erstes, durch einen Boten ihr meine Ankunft anzuzeigen, und daß ich mich an demselben Tag um fünf Uhr bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig von dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir und bereitete mich vor auf den Besuch.
Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung. Ein schmuckes Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte leise, ob ich der Herr aus G. sei und führte mich dann in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war fast üppig eingerichtet und die Blumen und Rosen schienen mir noch prangender zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor Jahren. Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem Hauskleide war sie, sank mir an die Brust und flüsterte: »Sie sind's! Gott, wie mir das Herz pocht!« Dann schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe etwas rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen mir noch blasser und ihre Augenwimpern noch schwärzer und ihr Mund noch röter als vor Jahren. Und weil durch die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch ihre schwarzen, seidenweichen Haare locker geworden waren und nun niederrollten auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich schön. Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes Tischchen, an das mit einem Kettlein ein Papagei gefesselt saß, der fortwährend krächzte.
»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß Sie gekommen sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden, oh, ich bin wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm sie meine Hände und preßte sie heftig.
»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die schönen Tage der ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum eines Wortes mächtig war, so fuhr sie mit unendlichem Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten, von dem Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von dem Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das, was sie sprach, ich hörte nur ihrer Stimme süßen Klang, ich fühlte nur den Atemhauch aus ihrem Munde – mir verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme sie wild an mich, um sie zu küssen … In demselben Augenblicke fuhr sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück.
»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter Stimme, »das ist abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke mit dem Ruf: »Mein Gemahl! Mein Gemahl!«
Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer, brauner Mann im feinsten Salonanzuge.
»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre Hände ins Gesicht: »Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen Sie ihn! Meine Freundschaft so zu mißbrauchen! Eine harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten! Von meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der wahnsinnige Bube! – O Gott, meine Nerven …!«
Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür und drehte seinen langen Schnurrbart. Ich hatte mich von meiner Überraschung eher erholt, als es mir heute selbst erklärlich ist. Ich war ausgestanden und wartete einstweilen darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser weder einen Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte, so trat ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein übles Abenteuer. Wem gehört sie aber nun! Sie, mein Herr, werden Gemahl genannt, und ich werde durch glühende Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!«