So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief: »Niemals, Herr Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und meine Religion lasse ich mir nicht rauben, so wahr –«

Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück und sagte: »So behüte dich Gott!«

Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein meiner Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die besonnte Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll war im Blühen, Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte mich auf jener Wanderschaft an den Ausspruch: Die Welt ist ein Transparent Gottes.

Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den Ruf eines gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und die Lehrer und die Bücher und vielerlei Welt waren um mich, viele Freunde hatte ich, und ein paar kleine, kindische Feinde, aber niemand und nichts machte den geringsten Versuch, mich vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile, weil ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde ich anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein war in meinem Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen oder an hohen Festtagen, gedachte ich Gottes und meiner Eltern mit dem gleichen Herzen.

In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie, Zoologie, Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter Pfarrer gesagt, das Studium der Schöpfung Gottes sei auch ein frommes Werk. In freien Stunden gab ich mich gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir haben: mit Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Augen an. So hatte Faust für mich nicht weniger als drei Stücke. Als ich ihn das erstemal las, ergötzte mich darin der Spuk und der possierliche Teufel, der schließlich den Doktor in die Hölle holt; bei einem späteren zweiten Lesen interessierte mich vor allem die Liebesgeschichte mit Gretchen. Das drittemal – da war ich schon weit – sah ich nichts als den Philosophen Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann ich das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu den modernen. Es ist ja eigentlich keine scharfe Grenze. So geht es sachte hin, es ist manches fremd. Der Katechet und der Lehrer der Naturgeschichte hatten keine Berührungspunkte mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf.

Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte Pfarrer auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern. Sagte aber kein Wort, sondern war herzlich wie immer. Nicht mehr war es der Pflichteifer, der mich zum fach- und naturgeschichtlichen Studium trieb, sondern das wirkliche Interesse an ihm; ich las alle einschlägigen Werke, die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über das Ziel unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und Vererbung im Tierreiche sah ich's, wo ich war. Ich war mitten im Darwin.

Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch selbst nicht wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus ganz wenig Urformen her, vielleicht aus nur einer Urzelle! Und die Wesen züchten und entwickeln sich im Kampfe um's Dasein. Das ist was neues, aber es leuchtet ein. Doch das höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft ja der Mensch an! Und die ganze Organisation des letzteren zeigt unwiderleglich, daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus dem Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge, die nicht waren?! – Die neue Lehre dehnt sich mit ihren Grundsätzen durch unendliche Zeiten und Räume. Und nirgends von Gott die Rede? Nirgends eine Spur von ihm? Was ist das? – In meiner Bedrängnis schrieb ich dem alten Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die Naturgeschichte stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre mir Gott abhanden gekommen.

Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb zurück, meine Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der tiefen Religiosität meines Gemütes, andererseits aber eine Mahnung, wie sehr ich in diesen Dingen auf der Hut sein müsse. Mein Zweifel – wenn er die augenblickliche Stimmung so nennen wolle – sei übrigens ganz grundlos. Daß man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu nehmen habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie, deuche ihm, wirklich mit dem von mir angeführten Systeme. Wissenschaftliche Forschungen könnten sich weit ausdehnen, aber endlich seien sie doch nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes und Begrenztes. Und außerhalb dieses menschlichen Spielraumes – der im Vergleiche zur Unendlichkeit doch ganz armselig wäre – hätte Gott Raum genug, wenn es die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten, daß er in der Seele seiner Geschöpfe sei.

Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch eine Weile fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis und immer tiefer in's Leben hineinging, sah ich endlich ein, es wäre umsonst. Der kindliche Glaube war nicht mehr zu halten. Der Gott, der sich denken ließ, war nicht der Gott meiner Väter.

Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule. Alt-England ist ein gut katholisches Land, Darwin's Familie hat einen hochgeachteten Namen, der Gelehrte selbst ist ein makelloser Charakter, von dessen Seelenadel so manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! – Das kann nicht möglich sein.