In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer teilte mir dieser zu meinem Troste mit, daß er vernommen habe, Darwin sei ein guter katholischer Christ, seine Lehre werde nur schlecht verstanden und falsch ausgelegt. Für den Augenblick leuchtete mir das wieder ein. –

Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein großes Gut in Mähren als Praktikant. Das war im Jahre 1880. Kurze Zeit darauf starb meine Mutter. Noch sterbend hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen Sohn, grüßen und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder zusammenbestellen.

Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen Freunde klagte ich alles. Er war erschüttert und wußte mir nichts mehr zu sagen, als ich solle beten und arbeiten.

Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung. Draußen auf den Feldern und in den Wäldern ging ich umher, solange ein Licht am Himmel, und legte selbst Hand an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben Nächten saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen. Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man will, aber beten nicht. O Mutter, Mutter, daß du mir auf ewig solltest genommen sein!

Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser Nachtwind rieselte in der Linde, und im Hause alle so ruhig und süß schliefen, als wäre Himmel und Erde für sie eine sanft schaukelnde Wiege – da kam mir plötzlich der Gedanke: Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens an. Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder zurückgeben.

Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb an Charles Darwin zu Down in England.

Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um Aufklärung, was er von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele denke? – Den Brief sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf hatte ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten konnte. Darwin entschuldigte sich durch eine zweite Person mit seinem Alter, mit seiner Kränklichkeit, mit der Bürde seiner wissenschaftlichen Arbeiten; er sei außerstande, die schwierige Frage zu beantworten.

Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine Labnis und läßt mich in der Wüste verschmachten. Er hat seine Weltberühmtheit – die tausend Herzen, die da brechen, kümmern ihn weiter nicht.

Als ich jedoch – denn das war mir wie angetan – wieder in den Schriften des Forschers las, stellte ich mir die Frage: Ist es bei ihm die Lockung des Ruhmes? Soll es nicht vielmehr – so wie ja auch bei mir – der Drang nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott mit ihm ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer schwierigen Frage die Rede? Er müsse über diesen Punkt also doch was zu sagen haben und sehr viel, wenn es sich in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten ließe. – Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte es ein Buch werden.

So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe ihm vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge, daß er es seinem Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen, daß der Forscher, nachdem er so viel gesagt, nicht zurückschrecken dürfe davor, das letzte Wort auszusprechen, daß ich dieses letzte Wort für eine Offenbarung halten wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich aus der peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich bat inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser bittet, mir wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen offen und treu anzuvertrauen, was er von Christus und seinen Offenbarungen, und also auch von der Unsterblichkeit der Seele halte.