Am elften Tage nach der Absendung dieses meines zweiten Briefes kam ein Schreiben, dessen Schriftzüge und Namensunterschrift als die des großen Forschers erkannt werden. Das Schreiben lautet:
»Down, 5. November 1880.
Lieber Herr!
Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von schlechter Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen, Ihre Frage vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt beantwortet werden kann. Wissenschaft hat mit Christus nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen. Was mich selbst betrifft, so glaube ich nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung stattgefunden hat. In Betreff aber eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich selbst die Entscheidung treffen zwischen widersprechenden, unbestimmten Wahrscheinlichkeiten.
Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr,
Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.«
Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie setzte seinen Werken die Krone auf. Er war gottlos.
Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich von ihm nur freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine Lehre hielt mich gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche Tatsache. Ich versuchte mich mit Studium wieder auszugleichen, ging sogar auf eine berühmte deutsche Universität, um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig werden. Ich hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte in meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur Erde bewahrt hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne Seele. Nun kamen schon die Stunden, in denen ich solche Menschen beneidete, die imstande sind, des Nächsten Glück spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den Kampf ums Dasein siegreich bestehen und in ihrer Gattung den Egoismus zu immer größerer Vollkommenheit ausbilden.
Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine Harmonie herzustellen, nämlich indifferent in moralischen Dingen, also schlecht zu werden. Aber hierin hatte der Alte ja auch wieder recht: du kannst nicht besser und nicht schlechter sein als du bist.
Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte in eine Welt, in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu legen. Wo andere sich balgen um die Früchte des Augenblickes, dort wurde ich gleichgültig gegen alle Genüsse, deren letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die Nervenspannungen wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der Winter war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir Besserung bringen. Andere flüsterten – und die hörte ich am liebsten – bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden haben.