Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage, aber in einer und derselben Woche starb in meiner Heimat der alte Pfarrer und zu Down bei Kent in England Charles Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde noch einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen in der Ewigkeit sich begegneten, was sie wohl sagen würden zueinander?

Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich, daß ich keine Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen, die mir wehe taten. Wer mich sah, der gab mir einen guten Rat, um gesund zu werden, und einer meiner ehemaligen Kollegen riet mir geradezu – und pries es als das sicherste Mittel meiner Rettung – ich sollte mich verlieben. Das Weib würde mich schon wieder Gott erkennen lernen. Einstweilen sollte ich ins Gebirge gehen, um in der reinen kräftigen Luft körperlich zu erstarken.

Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener Tiroler, sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich zog in's Pustertal und habe dort den Sommer zugebracht. An flache Gegenden gewohnt, fühlte ich mich anfangs im engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch mehr gedrückt, hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei ihnen die liebe Gottesgläubigkeit und die Harmonie des Gemütes wiederfand, die mir verloren gegangen war, aber allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich das Glück meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in Betracht zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's an anderen sah.

Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam, wurde mir übler und ich trachtete milderen Gegenden zu. Da vollzog sich außer und in mir ein Ereignis.

Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des Etschtals auf den Zug, der mich nach Italien bringen sollte. Als der Zug im Bahnhofe stillstand, wurden alle Passagiere aufgefordert, auszusteigen, der Zug könne nicht abgelassen werden, da südlich von Trient das Hochwasser einen Damm zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der Verkehr nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der Bescheid.

So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was konnte ich dabei verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde abgelassen. Er war groß und sehr überfüllt. Alle Fenster waren besetzt, denn da konnte man interessante Dinge sehen. Der Regen floß in Strömen und immer von neuem sank schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder, wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die hundertfältig niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier sprangen sie in Bogen, dort in breiten Bändern, dort in dünnen Schleiern. Aus den Schluchten donnerten braune Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt an den Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See, aus welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und Wegsäulen ragten. Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß es in breiten, verzweigten Adern heftig dahin. Mitten durch führte unser Bahndamm, auf welchem der Zug langsam und heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise gleichgültig gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen wurde, je lebhafter wünschte ich es.

Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche Versicherung, daß die oberen Gegenden weniger gelitten hätten und die Bahn fast durchwegs unbeschädigt sei. Wir kamen glücklich ins Pustertal, doch hier wurde es grauenhafter und endlich waren wir glücklich an einem Punkte, wo wir nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns hatte die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die Schienen standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus. Hinter uns sahen wir eine Brücke niederbrechen. Ein mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und Wurzel mit Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an einen der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme, das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten, und einer der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein paar Minuten stand, endlich aber wankte alles und brach Joch um Joch langsam nieder.

Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der Schaffner. Zur einen Seite hatten wir die Berglehne, zur andern die überflutete Talschlucht. Wir konnten einige Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die jenseits am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser war. Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere Behausung endlich auch verlassen und in Wind und Regen unser Fortkommen suchen. Der leere Zug schob sich langsam zurück auf eine gesichertere Stelle. Ich kroch den Berg hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete, sah ich neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein Seitental, in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus dem Trümmerhaufen stob zuerst Rauch, es schien sich ein Feuer zu entwickeln, welches aber gar bald gedämpft war, weil alles ins Wasser niedersank und sich auf demselben fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos mit langen Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser springen, um eine ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber noch rechtzeitig zurückgehalten.