Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser und Erdbrüchen verhindert und abgelenkt und selbst am Leben bedroht. Ich hatte damals begreiflicherweise keinen Sinn für die Großartigkeit der Natur, die mich Würmchen mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich, daß mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr begegnen wird. Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf festem Grunde einer Höhung stand. Aber er war angepfropft von Leuten, die im Tale ihr Haus und Habe verloren hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen kauerten halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen mochten; die anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung, die ihnen die gastlichen Bewohner reichen konnten. Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir werden bald selber nichts mehr haben!«

Hier konnte ich also nicht bleiben.

Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl zubrachte und in der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert ist, kam ich wieder zum See der Rienz hinaus; man konnte nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein See, der heute, da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und vielleicht gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von Hütten, Mühlen und Holzsägen ragten, wovon eins ums andere verschwand, mitten in diesem weiten Gewässer auf einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer sechs oder acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um Hilfe riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen, die mit einem kleinen Floße jene Männer retteten. Sie hatten einen Tag früher den Flußdamm verteidigt und waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach, plötzlich vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem Stück für Stück weggeschwemmt wurde. Zwei weitere Genossen, die bei ihnen gewesen, hatten sich in der Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren, waren zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt worden.

Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt abgeschnitten waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis Defereggen und Oberdrauburg wären verheert. Aus dem Eisacktale brachte einer, der auf Umwegen übers Gebirge kam, Nachricht von den schrecklichen Verwüstungen, die dort und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient und in der Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen. Ganze Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt, fortgerissen. Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen und bei dem fortwährenden Steigen der Wasser noch ums Leben kommen würden, das sei nicht annähernd zu sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht gekommen, aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das wisse Gott. Man begreife nicht, woher all das Wasser kommen könne, die Regenfluten allein könnten es nicht ausmachen. Allerdings gehe ein Wind, als wären die Dolomiten lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den Gebirgen. Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den weißen Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und im Ortlergebirge und überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen, wie es bei der Sintflut gewesen, und es sei nicht abzusehen, was daraus noch werden solle!

Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten zu hören, läuteten sie in den Nachbardörfern, die teils im See standen, fortweg Sturm, und es vergrößerte sich auch für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die Gefahr. Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse herauf das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser rinnt aufwärts!« riefen die Kopflosesten, »da ist alles aus.«

Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und Gurgeln des Wassers, das Niederbröckeln von Mauerwerk; dann wieder ein Knattern und Schmettern einstürzender Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über alles hin war das dumpfe Tosen.

Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital sei hin, die Kranken müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir ein: da könntest du ja helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche hinauf, die höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt herbei, einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter aus der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den Tod gefunden hatte. Die Gerettete war ohnmächtig, die übrigen Mitglieder der Familie erhoben ein lautes Klagen. Da trat ein alter Mann zur Gruppe und rief: »Was beweint ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat, der konnte wohl verstehen, wie's gemeint war.

Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen jetzt rein bis zu ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen See spiegelte sich ihr Bild. Von den entwaldeten Lehnen gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als wäre »die Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte.

Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer gelegt, erscholl – so gut es durch das Tosen der Wasser hörbar war – neues Jammergeschrei. Ein Kind hatten die Wellen fortgerissen, die Mutter desselben lief mit herzbrechenden Hilferufen hin und her, keiner wollte sich ins wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem reißenden Hauptstrome zu.

Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich mir selber zu, nicht? So lern's! – Und stürzte mich in's Wasser. – Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer steinernen Treppe, und um mich waren Leute und vor mir kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab. Andere Weiber beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde, einem Mädchen von fünf bis sechs Jahren. Und während auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen anbrausten von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem seine ganze kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin saß an den Stufen des Kirchentores und das nimmer satt werden konnte, sein wiedergefundenes Kind jubelnd zu herzen und zu küssen.