»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes ihm nahegegangen ist damals,« sagte der Richter, »aber nach Jahren – es mag ja fünf oder sechs Jahre seit jener Geschichte mit dem Hallsteiner her sein – könne doch, meint man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr zum Ausbruche kommen. – Wie war das nur gleich, damals?«
»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die Frau, »hatte – so viel ich mich erinnern kann – sich eine Veruntreuung zu Schulden kommen lassen und in dem Augenblick, als man ihn festnehmen wollte, sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.«
»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader, der war damals noch Student, am Grabe des Verscharrten einen lauten Schwur getan haben soll, die Ehre des Freundes zu retten, seinen Tod zu sühnen, oder so etwas.«
»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen, die er heute noch einnimmt.«
»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und gewissenhafteren Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein stiller, eingezogener Mensch, bescheiden und liebenswürdig –«
Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai.
»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis die kleine Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die Frau Kreisrichterin. »Man glaubt nicht, wie vorteilhaft ein Mensch sich ändern kann, wenn er in das Geleise der Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst alles versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen, verlassenen alten Menschen zu versorgen. Als vor einigen Monaten der alte Hallsteiner starb und heute die Frau, habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute Seelader auch aufatmen können und sein Gehalt für sich selber anwenden.«
»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert haben,« meinte der Kreisrichter.
»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen seine Eltern sein, als der Amtsschreiber es gegen die alten Hallsteiner-Leute gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters. »Nur fällt mir jetzt ein Wort auf, das er vor einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat. Als er hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde ich bald Feierabend bekommen.«