»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke im Leben, wo man trotz allem die Geistesgegenwart verlieren kann. Johann, gehen Sie ins Kinderzimmer, ich lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns speisen, aber sogleich!«

Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein, ohne Festkleid, ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen, das geräuschlos am untersten Ende der Tafel Platz nahm. Man beachtete sie nicht weiter und das Mahl nahm seinen Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal gestört war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf auch nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu imitieren weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit gar nicht mehr herausarbeiten. Die Anzeichen für meinen Karneval spielten sich nicht gut. Ich war mit meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um – der dreizehnte zu sein. – Wenn man nachdenkt, es trifft immer zu – der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein. – Doch es ist ja vorbei, bei Tische sitzen vierzehn. Ich schaute verstohlen zwischen Weinflaschen, kunstreichen Blumenvasen und silbernen Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das Fräulein Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten, rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß.

»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine stets geistreiche Nachbarin zur Rechten.

»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel doch auch noch zu entschuldigen, »es ist ein braves, anständiges Mädchen, das ich erst vor wenigen Monaten vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren Beamten, die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es fehlt ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man muß noch froh sein, heutzutage eine ehrliche und verläßliche Person zu bekommen.«

Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit dem glattgekämmten braunen Haar still und bescheiden zwischen den in aller Buntheit und mit allem Raffinement aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und Geziertheit die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen Auge ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte Gedanke: das wäre mir die liebste von allen.

Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein.

Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte, wollte das Mädchen heimlich sich davonmachen. Ich merkte es und säumte nicht, mit meinem Glase zu ihr zu treten und mit ihr anzustoßen.

»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,« hörte ich hinter mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht warum. Ich stieß mit dem Mädchen doppelt herzlich an und schaute ihr ins Auge.

Dann entschwand sie. –