Der Taubstumme.

Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der Hauptstadt mit dem Eilzuge in eine Provinzstadt hinaus. Es war eine sechs Stunden lange, öde Fahrt. Die dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu verhüllen, und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und die bereiften Telegraphenstangen – sonst auch nichts. Ich saß im Nichtraucherabteil zu vieren und, theoretisch genommen, hätte es recht ergötzlich sein können, denn es waren unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber Gott, die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert und der Herr kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab kaum ein Lebenszeichen von sich.

Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze des männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich das sittige: Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen Bemerkungen über das Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit des Reisens im Winter ein Gespräch anzuknüpfen. Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen betrübt an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz.

Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon fest saß, die Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften Ausdruck, daß Nebenabteile sicherlich ganz leer sein würden, daß aber die Herren Kondukteurs die nicht sehr löbliche Gepflogenheit hätten, dieselben usw. Es herrscheten hier überhaupt Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen nicht usw. – Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß ähnlicherweise angeht.

Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir in N. table d'hôte zu speisen wünschten. Ich und ein halbes Jahrhundert bejahten sofort, das andere halbe war stark unentschieden und entschloß sich endlich für die Karte. Mein Gegenüber, der apathische Mann im Pelz, schaute den Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen Blick – ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der Mann wolle?

Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der Hand an, daß mit dem Herrn im Pelze etwas nicht richtig sei – und schloß dann das Abteil.

»Man tut doch immerhin am besten, table d'hôte zu speisen,« bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden, »man wird dabei am raschesten bedient und das Speisen à la carte bedeutet doch nur ein Gabelfrühstück im Vergleich mit dem in der Regel guten und verhältnismäßig reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich nicht wesentlich.« Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche, deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch einen gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch nicht den Gebrauch der Sprache habe, und mummte sich – da es in der Tat recht frostig war – noch tiefer in seinen Pelz.

»Also taubstumm!« murmelte ich.

»Ach, der Arme!« – »Ach, der gute, arme Mann!« hauchten die beiden Frauen und schenkten ihm einen Blick, der überreich war an Teilnahme und Wärme.