Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher hübscher Kopf mit schwarzem Schnurrbärtchen und blassen Wangen, eine jener interessanten Typen, in denen sich Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat. Meist schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr der Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt zusammenhing. Aber er tastete nicht.

»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der Frauen.

»Und reist allein!«

»Wie weit er wohl reisen mag?«

»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.«

»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen Bahnhofe behilflich sein,« war meine Bemerkung, »denn auch ich fahre bis G.«

Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen das traurige Geschick der Taubstummen und ich kam mit dem Jahrhundert bald darüber in Zwiespalt, was vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich entschied mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge, mir liegt die Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe. Des Menschen Wort ist mir entbehrlich, genug, wenn ich seinen Blick sehe. Was ich zu sagen habe, ist wenig; auch ist mein Wort als das des Fremden den meisten gleichgültig, jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch mein Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches, inneres Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit mir. Zum Auge kann viel weniger Jammer eingehen als zum Ohre, und mit dem Auge kann ich viel weniger Unrecht tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme glücklicher und besser, als etwa der Blinde.

»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt das ganze Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine Ansicht die gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das Gehör komme alle Lehre und Erziehung in den Menschen, und so wie sich ohne Gehör die Sprache nicht bilden könne, so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man werde nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe, während man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein schärferes Gehörorgan und einen ausgebildeteren Tastsinn habe, als der Sehende. Der Blinde führe ein reicheres und schöneres Geistesleben, während der Taubstumme zumeist stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei.

Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen. »Und bedenken Sie,« fuhr die eine fort, »von der Musik, die den höchsten Rang in der Kunst einnimmt, die bildend und veredelnd bis in die Seele dringt, von der Musik gar nichts zu haben!«

»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die andere zu bedenken.