Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich den Reisegenossen nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch bald der kleinen Gesellschaft im Gelaß. Dachte selbst nicht an die schönen Aussprüche der einen Dame über den Sinn des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper hatte ich schon in verschiedenen Ländern gehört, wozu ich noch bemerken will, daß mich gerade die italienische Aufführung im Vaterlande des Komponisten am wenigsten befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht behagen; selbst Meister Verdi soll sie erst in der getragenen Weise der Deutschen recht liebgewonnen haben.

Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der Opernsänger Wildmann, der eben in G. gastierte. Ich hatte meinen Platz im zweiten Parterre, und als der Vorhang aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen Ausstattung als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames wurde mit einem wahren Beifallssturme begrüßt und als ich – es war das erstemal – seinen in der Tat herrlichen Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen Ausspruches gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! – Doch, die Züge des Sängers! Die ganze Gestalt – wo war ich der schon begegnet? Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen mit aller Anstrengung in das Opernglas, und im ersten Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für einen des ersten Parterres um, daß ich noch besser sehen könne.

Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es: der berühmte Opernsänger Wildmann war niemand anderer, als mein Taubstummer vom Eisenbahnzug.

War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war. Auf der Bühne geht ja oft genug das Unmöglichste vor – doch was sollte einer gerade mit dieser Maske bezwecken? Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein, dort im Gelaß hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend, und er riß das Publikum zum rasenden Beifall hin – aber mich wurmte der Taubstumme. Dieser Taubstumme, der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche, und die herrlichste Stimme!

Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen war, eilte ich auf die Bühne, ich mußte den Mann sprechen, ich mußte ihn sprechen hören zu mir, mir gegenüber in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude zujubeln darüber, daß er nicht taubstumm war.

Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich nach dem Theater im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging ins genannte Hotel, in dessen Silbersalon die Künstler, Schriftsteller und anderen Schöngeister von G. sich einzufinden pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer munteren Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste von allen.

Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir das laute, lustige Treiben des Theatervölkleins, in welchem jeder und jede so voll Geisteselektrizität war, daß während des Klapperns mit Messer und Gabel, während des Gläseranstoßens mit schäumendem Weine die Funken des Witzes wie lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch sprangen.

Endlich – als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig zu lichten begann und auch von den Theaterleuten sich einige verabschiedet hatten – stand ich auf, trat zum Künstlertisch, nannte meinen Namen und bat in höflicher Weise, ob ich es wohl wagen dürfe, mich für den Rest des Abends dem glänzenden Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter Diamanten.

Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und rückten mit den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der Tausend, das ist ja mein Reisegefährte!«

»So ist es,« sagte ich mich verneigend.