»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,« lachte der Sänger.
»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals nicht gelungen ist, nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut mich, Herr, es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, und ich bewundere den ausgemachten Schauspieler, der in Ihnen steckt.«
»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt von den Opernsängern eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler seien.«
»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel, als ich damals ins Abteil stieg!«
»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich auf das Hühnerauge getreten.«
Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte bald, um was es sich handle, und sie lachte.
»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen gehalten,« sagte ich.
»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber Ihre Schuld, oder hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin! Übrigens – Prosit!« Er schob mir ein perlendes Stengelglas zu: »Prosit!«
»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein spreche, sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich habe es auf meinen häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen, für taubstumm gehalten zu werden. Erkennt man mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu täuschen, so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem steten Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens vernehme ich manches lehrreiche Gespräch, das man sonst in seinem Leben nicht wieder zu hören bekäme, köstliche Bemerkungen über die gehörlose Person, mitunter auch die freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen Fahrt der Fall war. Allerdings kann man dabei auch Dinge zu hören bekommen, bei denen man nur herzlich bedauert, nicht wirklich taubstumm zu sein. Ich schmeichle mir, einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir wahrscheinlich länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich sie? Den Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.«
»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine Bemerkung.