»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's. Wohl dürften Sie ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder lästert; aber wenn man dieselben mit Enthusiasmus preist, und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst sind Sie Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht leicht.« – –
Der Sänger und der Maler wurden an demselben Abende Freunde zu einander und verlebten mitsammen noch eine köstlich heitere Stunde, bis es ersterer endlich an der Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben Stunden lang wirklich taubstumm zu sein.
Hauptmann Fortner und seine Frau.
Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück genannt wird unter den Menschen. Er hatte – und das sage ich voraus – ein lebensfrohes und naturfreudiges Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an einem frischen, aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm, die aber nötig ist, um dem Leben so recht nachlaufen zu können: anstatt des rechten bluteigenen Beines hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er auf dieses Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den Fuß verloren und den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses empfindungslose Stück Birkenholz schmerzte ihn mehr als alle übrigen Glieder zusammen, und es waren doch etliche darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt zum Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, welche ein Soldatenherz zu treffen vermag.
Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem Schicksale nicht viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich gebracht, und sein im Grunde weiches, friedliebendes Gemüt bequemte sich zum beschaulichen Pensionistenleben. Die Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach seinem Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren – denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht – aber die mitleidigen Blicke waren ihm zuwider, und er ließ seinen Schnurrbart so martialisch auswachsen und schaute so scharf und finster drein, daß seine kampflustige Miene die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders war es im Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen Bergen und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte er sich erfreuen an den Verrichtungen fleißiger Arbeiter, denen er oft stundenlang vergnüglich zusah, konnte sich ergötzen an der landschaftlichen Natur, zu der er Jahr für Jahr größere Neigung empfand.
Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen lange Zeit ganz mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder noch weiter ausholen wollten und konnten. An den zahmen Spaziergängen durch Wald und Wiese fand sie nicht Genügen; mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine Hochgebirgswander gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen Kindsfrau wußte, so versäumte sie keine Gelegenheit, um sich Gruppen anzuschließen, die auf einen oder den anderen Berg stiegen, wie solche sich im Hintergrunde des grünen Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in die hohen Berge! so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr gefällt, mit der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig betrübt nach. Das Herz tat ihm weh darob, daß er keinen der ins Land hinausleuchtenden Alpengipfel mehr erreichen konnte, und es tat ihm weh, daß – doch genug der Wehmut für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm wohlbehalten wieder zurück.
Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau Emma, der Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte aus der Stadt in das Dorf; unternehmungslustige Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn Hauptmann Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand der Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner Jubel; nur der Hauptmann schwieg und dachte: Mußt dich eben begnügen damit, andere in Bergeslust zu wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau ihm wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie ihren weichen Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht wahr, lieber Mann, du hast nichts dagegen, wenn ich morgen mit von der Partie bin?«
»Wohin?« fragte er rasch.