[Es war einmal ein Bettelmann.]
Es war einmal ein Bettelmann,
Der hatt' einen goldenen Ring,
Sein einzig Eigen war dies Ding
Noch von der Mutter her.
Das Eigentum ward ihm zu schwer.
Er wankte fort zur Morgenstund',
Zu schleudern in den tiefen Grund
Sein Kleinod, daß in Glück und Mai
Die Gottheit ihm nicht neidisch sei.
Ein Weiser siehet voll Erbarmen
Den alten Mann, den siechen, armen,
Und fragt: »Du guter Bruder mein,
Um was soll sie dir neidisch sein,
Die Gottheit? Sprich!«
»Um was? Um was denn sonst?
Um mich.
Sonst hab' ich nichts, weil ich nichts brauch';
Was Glut ihr nennt, das ist bloß Rauch.
Was Gut ihr nennt, erstickt die Lust;
Doch unermeßlich ist der Reichtum
Meiner Brust.«
Der Weise blickt den Bettelmann
Mit gut gespieltem Mitleid an.
Der andre merkt's und lächelt so,
Als wär' er seiner Armut froh:
»Ich dauere euch, ihr dauert mich!
Ihr sagt auch, ich sei lahm und siech.
Ich weiß es nicht. Mein froher Sinn
Fliegt selig durch die Himmel hin.«
Der Weise spricht: »Dein Reichtum groß
Kam nicht dir aus der Erde Schoß.
Und was die Götter dir geschenkt,
Das nehmen sie nicht mehr zurück,
Und neidlos bleibt zu eigen dir
Dein erdenfreies Glück. —
Nur wer, der rohen Triebe Knecht,
Aus irdischer Hand sein Heil empfing,
Der opfere bang und demutsvoll
Den Göttern seinen Ring.«
[Der Blinde.]
Als Gott der Herr die Welt erschuf,
Da war sein erster, heiliger Ruf:
Es werde Licht!
Das Gnadenmeer vom Himmel floß
Und sich in alle Herzen goß,
— In meines nicht.
Und auf zum ewigen Sternenzelt
Blickt jedes Aug', dem Herrn der Welt
Ins Angesicht.
Und jedes Blümlein auf dem Plan
Lacht eure Augen freundlich an,
— Das meine nicht.
Der Mutterblick, der holde Stern,
Er blieb mir unermeßlich fern.
Dem Ärmsten flicht
Der Herr aus goldnem Sonnenglanz
Ums Haupt den bunten Farbenkranz,
— Um meines nicht.
Du treuer Engel Gottes, sag,
Was hab' an diesem Erdentag
Ich denn vollbracht,
Daß mitten unter Strahl und Schein
Verstoßen ich bin ganz allein
In ewige Nacht?
Der Engel sprach: Der Strahl, das Licht
Von außen ist das Höchste nicht
Zur Menschen Lust.
Statt Glanz die Glut, ein warm Gemüt,
Das wie ein sonniger Frühling blüht
In deiner Brust.
Wohl muß in deinem Aug ich sehn
Als einzigen Glanz die Träne stehn.
Doch weine nicht!
Noch leben treue Menschen hier,
Und Gottes Ruf erschallt auch dir:
Es werde Licht!