[Den Armen.]
Um Mitternacht, als alles schlief,
Nur meine Zweifel wachten,
Und Weltverdruß mir drohte tief
Die Seele zu umnachten,
Da schlug ich auf ein altes Buch,
Zu spähn nach einem Labespruch,
Um ganz nicht zu verschmachten.
Und sieh, da hat mich sanft ein Wort
Befreit von bangen Banden:
»O suche die Erlösung dort,
Wo sie schon viele fanden;
Nicht was du haschest, wird dein Teil,
Aus Opferfreude kommt dein Heil.« —
Doch hab' ich's falsch verstanden.
Ich stieg in Sehnsucht himmelwärts,
Den Heiland zu verehren.
Der winkte mir, ich sollt' mein Herz
Zurück zur Erde kehren:
»Was du den Armen Gutes tust,
Das dringt zu meiner Vaterbrust.
Kannst du mir es verwehren?«
Die Botschaft war's. Und seitdem mag
Es sonnen oder regnen,
So kann mir doch an jedem Tag
Der liebe Gott begegnen.
Aus jedem Kind und armen Mann
Blickt mich mein treuer Heiland an,
Bereit, mein Werk zu segnen.
Wenn keines Kindes Aug' einst schwimmt
In Dankesfreudenzähren,
Wenn keines Bruders Hand mehr nimmt,
Was du ihm willst bescheren,
O, dann erst hat sich Gott vom Land
Des Sündenfluches abgewandt,
Und wird auch nimmer kehren.
Drum laßt, solang' noch Arme flehn, —
Uns lindern ihre Leiden,
Die Hungernden bei Tische sehn,
Die Frierenden bekleiden!
Dann wird für Reich und Arm zumal
Dies grabdurchfurchte Jammertal
Zur Quelle reiner Freuden.