Es scheint mir, daß die Einfalt, Wahrhaftigkeit, Anspruchlosigkeit und Rechtlichkeit der Gesellschaft der Freunde, auf Denkart und Ton, Gesetzgebung und Verfassung der Amerikaner in den Vereinstaaten einen sehr bedeutenden Einfluß gehabt habe und noch immer übe. Ueberall bin ich den Spuren ihrer Gesinnungen begegnet. Auch geniessen sie allgemeine und wohlverdiente Achtung.

Unter ihnen herrscht vollkommene Gleichheit der Rechte; Reichthum und Armuth geben darin keinen Unterschied. Die Häupter ihrer Versammlungen beziehen keine Besoldungen, empfangen keine besondere Ehrenbezeugungen, und finden für ihre Meinungen kein Uebergewicht bei den Andern. Das weibliche Geschlecht hat, wie bei allen andern Kirchenpartheien, dieselbe Stellung, und genießt derselben Achtung und Ehrfurcht. Die liebenswürdige Bescheidenheit, Einfachheit, häusliche Ordnungsliebe und feine Verständigkeit der Frauenzimmer macht, daß diese auch von den achtbarsten Familien anderer Sekten gesucht werden. – Erfüllt einer von ihnen nicht seine Pflichten gewissenhaft, wird er von einem seiner nächsten Verwandten oder vertrautesten Freunde im Stillen gewarnt; ist dies fruchtlos, geschieht es von mehrern Seiten; zeigt sich alle Mühe eitel, ihn zu seinen Pflichten zurückzuführen, wird er aus der Gesellschaft der Freunde ausgeschlossen. Das Alles geschieht ohne Aufsehn im Stillen.

Die Verbesserung der Strafanstalten, die Versittlichung der Verbrecher, die Verhütung des Verarmens und der aus Armuth entspringenden Uebelthaten, die Verbreitung des Christenthums unter den Heiden, die menschlichere Behandlung der Indianerstämme, die Abschaffung des Negerhandels und der Sklaverei hat dieser Kirchpartei mehr, als allen andern in der Christenheit, zu danken. – Wenn man die Genossen derselben auch nicht schon an ihrer äussern, einfachen Tracht erkennen würde, die Männer an ihren breitkrämpigen schwarzen oder weißen Hüten, und schwarzen, braunen, dunkelfarbigen Röcken; die Frauenzimmer an der Abwesenheit aller bloßen Schmucksachen, der Ohrgehänge, Ringe, Armbänder, Federn, Kunstblumen u. s. w. – Trauer um die Todten legen sie nie an – so würde man sie an der strengen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit im Handel und Wandel erkennen; an ihrer Treue im gegebenen Wort, an der Verschmähung jeder Art Betrugs und Ueberlistung.

Die Stadt Philadelphia hat etwas ungemein Gefälliges im Aeussern. Die Straßen sind geräumig und breit, manche achtzig bis hundert Schuh; alle sauber mit Plattsteinen gepflastert. In der Mitte stehen Hallen, oder zum Marktverkauf bestimmte, überdeckte Plätze, wo die Landleute, die ihre Erzeugnisse bringen, gegen das Wetter geschirmt stehen. Manche dieser Hallen sind über eine Viertelstunde lang. Die Fußgänge an den Seiten sind von Zeltdächern beschattet, viele der Kaufläden und Gewölbe gleichen an Fülle und Schönheit der Verzierung den schönsten in Paris.

Penn selbst hat den Riß zur Stadt der Freunde im Jahr 1682 entworfen. Sie ist wohl eine Wegstunde lang. Es ziehen vierundzwanzig breite, schnurgrade, oft seitwärts mit Fußgängen versehene Straßen neben einander hin, die von zwanzig andern ähnlichen im rechten Winkel durchschnitten sind. Die Häuser haben meistens weißen, gelblichen oder röthlichen Anstrich. Die Begräbnißplätze sind hier noch, wie in allen amerikanischen Städten, bei den Kirchen. Es fehlt nicht an vielen Sehenswürdigkeiten. Ich darf nur an das herrliche Museum erinnern, wo auch das vor einigen Jahren zu Bigbone in Kentuky, ohnweit Cincinnati gefundene Mammuthskelet aufbewahrt wird, das 18 Schuh lange, 11½ Schuh hohe Riesenthier der Vorwelt.

Neben allen schönen Gebäuden der Stadt zeichnen sich immer die Kirchen durch ihre Pracht und Majestät aus. Und ihrer sind nicht wenige. Und alle sind doch nur auf Kosten der verschiedenen Kirchpartheien gebaut. Denn, wie gesagt, hier ist keine herrschende, sogenannte Landesreligion. Der Staat hat den weisen und wohlthätigen, und Religiosität befördernden Grundsatz vollkommener Glaubensfreiheit anerkannt. Er zwingt niemanden zum Kirchenbesuch, und doch sind alle Tempel stets beim öffentlichen Gottesdienst angefüllt, während in Europa die Pfarrer über Verfall der öffentlichen Andacht und die Leerheit der Gotteshäuser häufig jammern. Der Staat gibt kein Geld zum Kirchenbau, besoldet keinen Geistlichen, und doch gibt es kaum ein Land, wo so viel Kirchen sind. Im Jahr 1817 hatte die Stadt Philadelphia bei ohngefähr 100,000 Einwohnern achtundvierzig Kirchen; Boston, damals bei etwa 40,000 Seelen dreiundzwanzig Kirchen; New-York, bei damals etwa 120,000 Einw., dreiundfünfzig Kirchen. Und heute sind überall, nach Maßgabe der gestiegenen Bevölkerung, auch der Tempel mehr geworden. – Worauf deutet das?

Weil der Staat ohne Unterschied jeder christlichen Glaubensgenossenschaft gleiches Recht und gleichen Schutz gewährt, hört man auch nichts von den ekelhaften Religionszänkereien, mit denen sich die Europäer ermüden und quälen. Es herrscht gegenseitige Achtung und Schonung. Man spricht nicht gern über Glaubensverschiedenheit. Man ist so verständig, zu begreifen, daß man keine fremde Glaubenslehre tadeln und beschimpfen könne, ohne die eigene dem Tadel und der Beschimpfung preis zu geben. Noch weniger darf sich das Kirchliche irgendwo in die Politik mengen, da beide durch die Grundgesetze des Staates so scharf und fest von einander geschieden stehen.

Unter den Sehenswürdigkeiten, die erst seit Kurzem ihr Dasein empfangen haben, zog mich ganz besonders das Kunstwerk am Shuykillstrom, eine Stunde von Philadelphia, an, durch welches die ganze Stadt mit Wasser versehen wird. Auf dem Wege dahin sah ich eben an einem neuen Zucht- und Besserungshause arbeiten. Ein weiter Platz war dazu geebnet und der ganze, große Raum mit einer mächtigen Mauer umgeben. Man sollte meinen, hier werde an einem Festungswerk gebaut: so schwer und stark ist alles aufgeführt. Das Thor ist eine mächtige Arbeit, und soll mit eisernen Gitterthüren geschlossen werden, die wohl mehr, als eines Mannes Arm vonnöthen haben dürften, um sich in ihren Angeln zu bewegen.

Eine halbe Stunde von da ist am Shuykill die Wassermaschine. Ein Vorbau drängt das Wasser des Flusses vom Ufer ab. Räder von 16 Schuh Durchmesser bewegen eine Pumpe mit doppeltem Stempel, wodurch das Wasser 120 Schuh hoch gehoben in ein ungeheures Becken gegossen wird. Die Pumpe liefert binnen vierundzwanzig Stunden bei 500,000 Gallonen Wasser. Sie steht erst seit zwei Jahren. Vorher hatte man eine durch Dampf getriebene, die man aber nun nicht mehr gebraucht.

Durch eine Menge Röhren und Kanäle fließt das Wasser aus dem ersten Behälter nach allen Stadtvierteln, ja fast in jedes Haus, wo man mit einem angebrachten Hahn so viel abzapft, als man will. In jeder Straße sind mehrere Brunnen, die man, im Fall einer Feuersbrunst, nach Belieben laufen läßt. Man legt nur den Schlauch der Feuerspritze an, die dann zweimal mehr Wasser schleudert, als die sonst übliche.