11.
Der Ausflug nach New-York.
(30. Juli.)

Wie gern hätte ich noch in Philadelphia verweilen mögen! Ich mußte mich immer recht ernsthaft daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in Amerika sei und versprochen habe, vor Weihnachten wieder in meiner Heimath zu sein. Wie viel hatte ich noch zu sehen! New-York, der Hauptplatz des nordamerikanischen Handelsverkehrs, ist nur zweiunddreißig Stunden von Philadelphia entlegen. Kleinigkeit! Ich konnte also Abends dort sein.

Um halb sechs Uhr Morgens stieg ich ins Dampfboot, das an Bequemlichkeit und Zier allen frühern nicht wich. Der Reisenden waren ohngefähr achtzig auf dem Boot; Herren und Frauenzimmer; alle, ohne Ausnahme, sehr sauber und mit Sorgfalt gekleidet, als wären sie nicht zur Reise, sondern zu einem geselligen Vergnügen zusammengekommen. Auch, als man sich um sieben Uhr zum Frühstück setzte, am reich mit allerlei Speisen beladenen Tisch, glich die Reisegesellschaft einer freundlichen Vereinigung eingeladener Gäste.

Wir fuhren den Delaware aufwärts und erblickten nach einer halben Stunde die Schiffswerfte von Philadelphia, auf welcher neun große Fahrzeuge bereit lagen, ins Wasser gelassen zu werden. Die pensylvanische Küste bot uns aller Orten das Schauspiel fleißigen Anbaus dar. Zwischen zerstreuten Wäldchen und lichtstehenden Pappeln lachten uns freundliche Landhäuser an. Nicht so große Mannigfaltigkeit zeigte das zum Staat Jersey gehörige Ufer.

Das Dampfboot lief in einer Stunde zwei Wegstunden stroman. Schon um neun Uhr kamen wir an Burlington vorüber, wo Reisende von uns gingen, andere zu uns kamen. In Bristol, sechs bis sieben Stunden von Philadelphia, stiegen wir ans Land, wo neun Wagen warteten, um uns weiter zu bringen. Jeder suchte den seinigen nach der Nummer der empfangenen Karte. Der lange Zug unserer zierlichen Reisewagen machte sich sehr artig und rollte, wie durch einen weiten Garten, von Zeit zu Zeit neben hübschen Landhäusern und Bauerhöfen vorüber, die, gut unterhalten, einen behaglichen Wohlstand zu verrathen schienen.

Nach zwei Stunden hielt man in Trenton an, um die Rosse zu erfrischen, was man jedesmal alle zwei Stunden beobachtete. Die Stadt – bekanntlich ist sie die Hauptstadt von Jersey – macht den Augen ein ganz angenehmes Bild. Die Häuser stehen nicht in strenger Regelmäßigkeit, sind aber meistens in gutem Geschmack gebaut. Besonders ist die bedeckte Brücke, welche über die Delaware führt, von besonderer Schönheit.

Zu Princetown, wo die Pferde gewechselt wurden, begegneten uns zehn volle Reisewagen, die von New-York kamen, um das Dampfboot zu erreichen, welches wir verlassen hatten; dagegen wir in Brunswik ein anderes finden sollten, von dem sie herkamen. Immer und immer überraschte mich täglich die Menge der Reisenden. Hier schien mir fast Alles unterwegs zu sein. Die Gasthöfe hatten der Reisenden oft so viel zu beherbergen, wie etwa in Europa sonst nur große Badeanstalten. Welch ein Verkehr und Leben auf diesen noch vor vierzig bis fünfzig Jahren halböden Küsten!

Auch Princetown schien mir eine sehr artige Stadt. Ich konnte sie nicht näher besichtigen. Noch vor wenigen Jahren war hier aber die berühmteste Hochschule der Vereinstaaten. – Ueber Kingstown gelangten wir endlich nach der Stadt New-Brunswik, anmuthig am Rariton gelegen, über welchen eine 400 Schuh lange Brücke führt, die, wie gewöhnlich, auf den Seiten Fußgänge und in der Mitte zwei Fahrwege hatte.

Die Hitze war sehr stark gewesen. Unsere lange Wagenreihe hatte dicke Staubwolken aufgetrieben, und wir alle, wie wir zum Dampfboot kamen, trugen mehr oder weniger die Spuren dieser Wolken. Allein jetzt erschienen sogleich einige Mulatten und Neger, mit Bürsten, Handtüchern, Wasserbecken, und luden jeden, der ihre Dienste verlangte, in ein Zimmer ein, um sich da wieder entstäuben und schön machen zu lassen. Auch einige Barbierer waren mit ihren Waffen bereit, die Männer zu verjüngen. Fast alle Reisende unterwarfen sich dieser Purification, die weniger ängstlich, als die spanische unter dem Scheermesser der Apostolischen ist. – In Europa, selbst in England und Holland, kennt man diesen hohen Grad der Reinlichkeitsliebe nicht. Sie ist ein Beweis der gegenseitigen Achtung, welche sich selbst Fremde untereinander im geselligen Leben schuldig sind, und die bei uns oft tölpisch genug vernachlässigt zu werden pflegt. Ich halte mich bei diesem kleinen Umstand gern auf, der selbst im Unbedeutenden auf ein regeres, sittliches Feingefühl hindeutet.

So lange man in der Nähe von New-Brunswik ist, zeigt sich die Landschaft wohlbevölkert in malerischer Abwechselung. Je weiter hin, werden die Ufer flach, und von Ebb' und Fluth verschwemmt, die sich bis Brunswik fühlbar macht. – Links lagerte Perth-Amboy seine niedliche Häuserreihen vor uns auseinander; besonders stellte sich der Sommersitz der Familie Brun von New-York, Brightonhouse, anmuthig dar. Es liegt schloßähnlich auf einer kleinen Anhöhe und schaut von da weit durch die Ebenen. Rechts hatten wir Staaten-Island oder Richmond, welches uns im Vorüberfluge nichts Ausgezeichnetes in seinen Ländereien darbot, aber gegen New-York zu an Bevölkerung reicher zu werden schien. Nachdem wir noch am linken Rariton-Ufer, bei Elisabeth-Town, einige Reisende aufgenommen hatten, fuhren wir gegen sechs Uhr Abends, beim lieblichsten Wetter, in die Bai von New-York ein.