Da stieg plötzlich in der Tiefe des Hintergrundes vor uns eine, ich möchte sagen von tausend Schiffsmasten halbverschleierte Stadt aus den Wellen. Nur die Zinnen der Häuser, die Thürme, die Pappeln-Reihen, welche auf die Richtungen der Straßen deuteten, liessen sich über den Wimpeln wahrnehmen. Wie wir näher rückten, hatten wir die sogenannte Batterie vor uns. Es ist dies ein öffentlicher Lustplatz, von Linden und Pappeln überschattet, deren Zwischenräume am Boden wohlunterhaltenes Rasengrün deckt. Alles wimmelte von Lustwandelnden. Die schöne Welt war im schönsten Sommerschmuck dort versammelt. Am äussersten Ende, ohngefähr hundert Schritte vorwärts in der Bai, hat man ein niedliches, kreisförmiges Pavillon aufgeführt. Es ist zwei Stockwerke hoch; das Dach mit einer Gallerie umgeben. Man hat von diesem Belvedere in der That, wie ich nachher sie selbst genoß, eine wunderliebliche Aussicht. Ueber dem Bau erhebt sich ein dreißig Schuh hoher Mastbaum, mit der Flagge der Vereinstaaten. Der Hafen von New-York ist voll ewiger Bewegung. Täglich, stündlich laufen Schiffe ein, segeln andere ab. Bei dreißig Dampfschiffe schwärmen ab und zu, von den verschiedensten Formen und Bestimmungen. Flüchtige Rauchsäulen, die sich bald in den Lüften zerstreuen, schweben des Tags über ihnen; Nachts sind eben so viel Feuersäulen, gleich jenen, die in der Wüste den Kindern Israels leuchteten.
Als wir um sieben Uhr ans Land traten, boten Weiße, Mulatten und Schwarze ihren Dienst an, unser Reisegepäcke in die Stadt zu tragen; aber nicht mit jener frechen oder plumpen Zudringlichkeit, deren man von Leuten dieser Klassen in Europa gewohnt ist. Längs dem Quai stand eine lange Reihe eleganter Kutschen und Halbwagen, die wahrlich mit den Fiacren oder Lohnkutschen von Paris oder Wien wenig Aehnlichkeit, dennoch die nämliche Bestimmung, hatten. Sie sind geschmackvoll gestaltet, meistens gondelförmig. Die Lohnkutscher, wie alle Personen aus der arbeitenden Klasse, sind mit vieler Sorgfalt angekleidet, in ihrem Betragen gefällig, zuvorkommend, ohne jenes knechtisch-höfliche Wesen, welches bei uns die Würde des Mannes so oft entweiht.
Ein Sprung vom europäischen Ufer über den Ozean, ans amerikanische, macht, beim schnellen Wechsel der Welttheile, jenen Gegensatz der Sitte und Lebensweise ungemein fühlbar. Andern vielleicht scheint eine Beobachtung dieser Art unbedeutend; mir bedeutsamer aber, als die Beschreibung von Bildergallerien, Kunstkabineten und Bibliotheken, die wir Reisende gern besuchen. Es ist in den amerikanischen Städten durch alle Volksklassen eine gewisse Sittenfeinheit, ein Gefühl für das Anständige und Edle verbreitet, welches nicht aus Tanzmeisterlektionen, sondern aus dem Bewußtsein des eigenen Rechtes und der Achtung für fremdes stammt. Selbst die Einwanderer schleifen nach und nach die rohen Seiten ihres Betragens ab, welches sie von dem Stande oder der Kaste noch mitbrachten, der sie im andern Welttheil eingebürgert waren; das grobe Hochfahren des Adelmanns und Beamten, die stolze Leutseligkeit des Vornehmen gegen den Geringen, die Rang-Seligkeiten des spießbürgerischen Kleinstädters, die unbehilfliche Steifheit des Handwerkers, die unterthänige Kriecherei und patzige Frechheit der Herrendiener. Wo der Mensch als Mensch gilt, ist ächter Adel – Menschenadel daheim. Wer Freiheit und Recht hat, wie jeder, ehrt beides gern im Andern, um beides geehrt in sich zu bewahren.
Ein Mulatte, mit einem Nummerschild am Rocke, trug mein Gepäck in die Beaver-Street, wo ich bei einer Privatperson einkehren mußte, der ich schon durch einen Freund in Philadelphia empfohlen war. Die Gastlichkeit der Familie bedrückte mich fast. Eine Woche lang mußte ich bei ihr verweilen; dann aber bezog ich den schönen Gasthof Columbian-House.
12.
Von New-York.
(30. Juli bis 14. August.)
Vor etwa 200 Jahren schickten die Holländer Ansiedler hieher, die bauten am Zusammenfluß des Hudson- und Ostflusses am Meere, auf der äussersten Morgenseite der Insel Manhattan, ihre Niederlassung New-Amsterdam; später empfing die Pflanzstätte den Namen New-Stockholm; und seit sie in Besitz der Engländer kam, hieß sie New-York. Die Insel ist etwa vier Wegstunden lang und eine halbe breit. Jetzt steht hier eine reiche blühende Stadt von 130,000 Einwohnern, die nach allen Welttheilen Handel treibt, für Wissenschaften und Künste mehr Anstalten, Gesellschaften, Sammlungen, Bibliotheken u. s. w. hat, als der Mehrtheil königlicher Hauptstädte in andern Welttheilen, und daneben eine ausserordentliche Menge Fabriken in thätiger Bewegung sieht.
Von der Batterie, deren ich schon erwähnte, hat man die Aussicht auf mehrere Inseln. Die größten sind Richmond oder Staaten-Island rechts und Long-Island links. Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur Vertheidigung der Bai angelegt sind, haben geringen Umfang. – In der Ferne, doch etwa nur einer Stunde, sieht man die Stadt Jersey, Hauptort vom Staate dieses Namens; noch eine schwedische Gründung. Die Höhen alle herum sind da mit Windmühlen bepflanzt, die ihre luftigen Flügel rührig herumtreiben.
Das Innere von New-York hat keinen so regelmäßigen Straßenbau, als Philadelphia. Die bald breiten, bald engen Kreuz- und Quer-Gassen europäern ein wenig. Doch eine Straße, wie der Broadway zu New-York, von solcher Breite, eine volle Stunde Wegs lang, die Fußgänge an den Seiten mit Pappelbäumen eingefaßt, links und rechts schöne Gebäude, prachtvolle und reiche Kaufmannsgewölbe – findet man in Europa nicht leicht. Das schönste Gebäu aber steht in der Mitte des Broadway, ganz von weißem Marmor, in großen, riesenhaften Parthien. Es ist das Rathhaus. Davor liegt ein öffentlicher Lustplatz, mit Geländern eingefaßt. Er heißt der Park, ist aber nur ein weitläuftiger, mit Gängen durchschnittener und von einigen Bäumen leichtbeschatteter Rasenplatz. Verschiedene Häuser haben Ebendächer und Balkone, die an lieblichen Sommerabenden gern benutzt werden, um der Aussicht auf den Hafen zu geniessen, der drei Viertel der ganzen Stadt begrenzt, und wohl der größte der Vereinstaaten ist. Ueberhaupt liegt New-York in einer äusserst anmuthigen Landschaft.
Man sieht hier nur wenige Neger, und die man sieht, sind frei. Zahlreicher werden sie in den südlichern Staaten gefunden, und wiewohl man sie auch dort schon sehr menschlich behandelt, rückt doch schon der bloße Gedanke an ihr Sklaventhum diese Unglücklichen zur dienstbaren Thierklasse nieder. Dieser Stand der Neger ist noch ein Nachlaß, eine Hefe von der Herrschaft der christlichen Europäer. Ach, man sollte sich doch bei uns zu Lande nicht brüsten mit Zivilisation und Christenthum, sollte nicht die Grausamkeit der Araber, Türken, Mauren, nicht die Barbareien des Orients stolz verdammen, so lange man noch nicht auf europäischen Schiffen den verruchten Menschenhandel abgethan hat! – In den Vereinstaaten ist jetzt wahrer Wetteifer, das Loos der Schwarzen zu verbessern, ihnen allmälig die volle Freiheit zu geben und sie zu vermenschlichen. Man weiß, die ersten wurden im Jahr 1503 in die neue Welt aus Afrika hinübergeschleppt. Jahrhunderte lang wurden diese beklagenswürdigen Mitmenschen wie Hausthiere behandelt; oft schlechter. Wie lange wird es dauern, ehe die moralischen Narben der Sklavenkette ganz verwachsen sind?
Die in Amerika gebornen Neger sind weniger schwarz, als die, welche unmittelbar aus Afrika kommen. Man behauptete mir, das Schwarz vermindere sich von Geschlechtsfolge zu Geschlechtsfolge.