Es ist möglich. Denn auch die Europäer in Amerika scheinen mir mit den Jahrhunderten ihre Farbe allmälig zu ändern. Ich glaubte ziemlich gut eingeborne Amerikaner von neuen Ansiedlern schon an Farbe, Bau und im ganzen Wesen unterscheiden zu können. Sie sind im Allgemeinen wohl geformt. Selten erblickt man einen Mißwuchs, wie man wohl in Europa oft genug sieht. Aber die Farbe ihres Gesichts hat nicht das Leben und die Frische, wie bei uns; die Stadtbewohner haben eine, ich möchte sagen kränklichblasse Haut; die Landbewohner sind freilich brauner, ohne darum frischer und farbiger zu sein. Die Gesichter sind gewöhnlich mehr länglich, als rund; und die Züge derselben, die meistens zusammengesetzter, als bei uns, sind, verrathen so wenig, als das übrige Aeussere der Gestalt, Gewerb und Beruf, die man in Europa so leicht bei den verschiedenen Volksklassen unterscheiden kann.
Eine zuvorkommende, edle Gastfreundlichkeit ist wohl die herrschendste Tugend unter den Amerikanern. Sie sind im Umgange gefällig, fein und offen. Man muß sie nicht nach dem rohen, leidenschaftlichen Ton ihrer zahllosen Zeitungen beurtheilen. Da treibt der politische Parteigeist sein freies und derbes Spiel. Aber das schadet niemandem; denn man kennt das Geklätsch und Treiben der Publizisten, und weiß, daß die, welche die zarten Verfädelungen der Diplomatik und Politik auseinanderschlichten wollen, dazu gern die gröbsten Finger gebrauchen.
Diese Sonderbarkeit dort ist, wie bei unsern europäischen Gelehrten, einheimisch. Bei uns zwar nicht überall in der Politik, aber doch in andern Fächern. Welche Klasse von Schriftstellern pudelt sich ungezogener und ungeschliffener vor dem Publikum herum, als die der Jugenderzieher, der Pädagogen und Philologen? Wer zeigt weniger die Wirkungen der Humanität, als die Klasse derer, die Humaniora treiben? Wer handelt wüthender und unchristlicher wider fremde Meinungen, als die Lehrer der Religion der Liebe? Wer schreibt besser über Landwirthschaft, als wer dadurch ökonomisch zu Grunde ging? Wer hat unphilosophischern Stolz, als die Philosophen?
13.
Der Besuch beim Oheim.
Zwölf Stunden von New-York, am linken Hudson-Ufer, wohnte ein Oheim von mir, der sich schon vor vielen Jahren dort niedergelassen hatte. Ich nahm mir vor, ihn zu besuchen, und bestieg ein Fahrzeug von der Größe unserer größten Schiffe auf Seen und Flüssen, mit zwei Segeln, das heißt, einen Sloop. Dies Fahrzeug hatte ein Verdeck, wie andere Schiffe, und eine niedliche Cajüte. Meine Reisegefährten waren meistens Weiber und Mädchen, die zur Stadt gekommen waren, einzukaufen oder zu verkaufen. Obgleich in Amerika geboren, sprachen sie doch noch das Holländische, ihre Stamm-Landessprache, untereinander. Mehrere rauchten Tabak aus kurzen, irdenen Pfeifen. Das wunderliche Schauspiel dieser Schmaucherinnen, und der ernsthaften, nachdenklichen Geberden, die sie dazu machten, fing an mich zu belustigen.
Ein Landmann erklärte mir, das sei so Brauch bei den Holländerinnen; indessen bei den Mädchen käme jetzt das Rauchen ganz ab. Gegen Abend langten die Weiber ihre Körbe vor mit Speisevorrath gefüllt, und machten Thee. Eine der Frauen trank ihre Tasse voll aus, füllte sie dann wieder und bot sie mir. Ich mußte annehmen. Jede der Andern reichte mir nun noch von ihrem Vorrath, eingemachte Pfirsiche, Brödchen, Honig, Butter, Käse.
Nun gings ans Fragen: »Ißt man bei Euch in Europa auch dergleichen? Wie sind dort die Weiber? Ist das, was Ihr tragt, bei Euch Landestracht? Sehen die Männer alle so munter bei Euch aus? Wie kleiden sich die Frauen?« – Eine sagte: »Ihr seid ein kräftiger, starker Mann, und werdet ein guter Landbauer werden.« Nach dieser Bemerkung über mein Körperliches rückte sie stockend mit der zarttastenden Neugier aus: ob ich verheirathet sei? – Als ich mit Nein antwortete, war sie ausser sich vor Erstaunen; »Was?« rief sie lebhaft: »Muß man denn bei Euch so spät heirathen?«
Wir kamen spät nach Tapan. Der Oheim wohnte noch eine Stunde Wegs weiter. Ein hablicher Landmann, der desselben Wegs fuhr, erbot sich, mich in seinem Wagen mit dahin zu nehmen. Ich setzte mich in seinen »Gig«, den zwei brave Rosse zogen, und ein schwarzer Diener führte. – Unterwegs gaukelten die Flämmlein unzähliger Irrwische zu allen Seiten, über vermuthlich sumpfigen Wiesen, als wollten sie mit den Gestirnen des Himmels über sich wetteifern.
Der Oheim war sehr überrascht, plötzlich einen europäischen Neffen um Mitternacht erscheinen zu sehen. Er erquickte diesen indessen gastfreundlich mit Speis' und Trank und gutem Nachtlager und sparte die Fragen einer verzeihlichen Neugier dem folgenden Tage auf.
Der Aufenthalt hier war für mich, wenn gleich kurz, doch belehrend, und, einen Unfall abgerechnet, angenehm. Ich wurde in die Bekanntschaft aller Nachbarn eingeführt; auch in die Familie dessen, der mich von Tapan hierher gebracht hatte. Als wir diesem einen Besuch machen wollten, gab man mir ein Reitpferd. Ich hatte es aber kaum bestiegen, gebehrdete es sich so wild, schlug aus, bäumte sich, daß ich zehn Schritte weit aus dem Sattel flog und drei Stunden ohne Besinnung, doch ohne weitern Schaden, blieb, als daß ich einige Tage lang Rippenschmerz fühlte. Ich machte nun meine Besuche zu Fuß.