Als ich zu meinem obenerwähnten nächtlichen Fuhrmann kam, stellte er mir seine Frau, seine Mutter und seine Großmutter und seine Urgroßmutter vor. Letztere mochte etwa hundert Jahre alt sein, und sprach, als geborne Holländerin, nur holländisch. Vater und Sohn waren in dieser Familie die einzigen männlichen Geschlechts. Bei Tische setzten sich die beiden alten Frauen. Die beiden jüngern standen hinter den Stühlen ihrer Mütter, um sie zu bedienen. Das feinste Tischzeug von schneeweißem Linnen und glänzendes Silbergeschirr deckte die Tafel.

Ich fühlte mich in dieser patriarchalischen Familie sehr glücklich. Der größte Theil des Tages verfloß unter Gesprächen über den Unterschied der alten und neuen Welt.

Es wird gewöhnlich den Amerikanern schwer zu fassen, daß wir Europäer das Vernünftige, Naturgemäße und Volksbeglückende ihrer Verfassungen, Gesetze und Einrichtungen anerkennen, und doch bei uns an das Beengende und Zwängende des oft zweckwidrigen, verderblichen Herkommens und Erbes aus den Zeiten mittelalterischer Barbarei festhalten. Europa, wenn es sich plötzlich der alten Einrichtungen und Gewohnheiten entledigen wollte, würde in ein hundertjähriges, namenloses Elend versinken und sich doch nicht der tausendjährigen Banden ganz entstricken können. Eine allgemeine, gewaltsame Umgestaltung der Verfassungen, Gesetze und Sitten würde eine allgemeine, gewaltsame Verheerung alles öffentlichen und häuslichen Glücks, eine Hemmung des ruhigen Fortschreitens zur Vollendung, ja eine Verwilderung der Sitten und Lebensansichten werden, und doch zuletzt, nach Erschöpfung aller Kräfte, von zweifelhaftem Ausgang sein. Wer kennt die Wege der Leidenschaften? – Sie lassen sich nicht vorher berechnen, gleich den Wegen der Vernunft.

Nordamerika dankt seine Vorzüge der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich keiner Revolution. Die sogenannte amerikanische Revolution war ein Kampf für Unabhängigkeit gegen drückende Ministerialwillkühren, Regierungsunbesonnenheiten und Handelsdespotismus, und half nachher zur Gestaltung des Bessern als erleichterndes Mittel. Amerika dankt jene Vorzüge der Eigenthümlichkeit seines Werdens. Hier schuf kein altes Volk sich einen neuen Staat; nein, hier entsprang in weiten, fruchtbaren Einsamkeiten ein neues Volk, das sich den Staat und die Gesetzgebung, bereichert mit den Gedanken der Weisen des achtzehnten Jahrhunderts und aller Jahrhunderte, getrieben vom tiefgefühlten Bedürfniß des Zeitalters, unbeengt durch bestehende positive Rechte Anderer, nach Einsichten und Umständen beliebig bilden konnte. Es würde vielmehr ein ewiger Schimpf für den Verstand der Amerikaner geblieben sein, wenn sie ohne alle Noth das bei sich aufgenommen hätten, was sie bei alten Völkern Verwerfliches gefunden.

Nun ist es zwar richtig, daß unter den gebildeten Nationen Europens die Erkenntniß und das Bedürfniß dessen, was und wie es sein sollte, im Widerspruch steht mit dem, was wirklich vorhanden ist und gilt. Dieser Widerspruch erregt Mißmuth und Kampf. Aber das scheint mir eben der richtige, naturgemäße Gang der Menschheit zu ihrer Veredelung. Vernunft und Leidenschaft begegnen sich feindselig. Im Streit um Verbesserungen der bürgerlichen Gesellschaft mag die Partei derer, die aus Unwissenheit, oder Schüchternheit, oder Eigennutz das Schlechtere festhalten, durch Macht, Reichthum, Stellung und Volksvorurtheil die überwiegende sein; aber sie wird unmerklich geschwächt und besiegt, weil sie, eben durch ihren Kampf, wider Willen, die Erkenntniß des Bessern ausbreiten hilft. So schreitet die europäische Menschheit allmälig zum Bessern vor, ohne es zu ahnen. Hundert Wahrheiten, sonst als Ketzereien verdammt, sind jetzt Alltagsgedanken der Priester und Edelleute, und sie selbst erstaunen über die Verkehrtheit und Unmenschlichkeit der Alten, die das Gegentheil behaupten konnten.

14.
Die Gesandtschaft der Indianer.

Da ich nach Newyork zurückgekehrt war, hatte sich unterdessen in dieser Stadt die Gesandtschaft von sechs indianischen Stämmen eingefunden, die an den Quellen des Missisippi und an den Westküsten Amerika's wohnen. Die Gesandtschaft bestand aus vierundzwanzig Häuptern der Stämme, nebst vier Weibern und zwei kleinen Kindern. Sie waren, nur um bis zur Vereinigung des Ohio mit dem Missisippi zu gelangen, sechs Monate unterwegs gewesen. Dort hatte man sie in Dampfboote aufgenommen und wieder stromaufwärts bis Pittsburg geführt. Von Pittsburg waren sie in Wagen nach Washington gebracht, wo sie vom Präsidenten der Vereinstaaten mit Auszeichnung empfangen wurden. Mit Hilfe von vier Dollmetschern, die unter ihnen gewohnt hatten, ward mit ihnen ein Bundesvertrag abgeschlossen. Um ihnen eine Vorstellung von höherer Landesgesittung zu geben, ließ der Präsident diese Männer der Wildniß, begleitet von zwei Gliedern der Regierung, durch die vornehmsten Städte des Landes reisen. Sie kamen durch Baltimore und Philadelphia nach Newyork.

Hier gab man ihnen auf der Batterie ein Fest. An Wein, Branntewein und Leckereien durft' es nicht fehlen. Eine ausgewählte Musik spielte den ganzen Abend. Ein Feuerwerk beschloß das Tagwerk.

Ich begegnete ihnen unter einem Haufen Neugieriger beim Eintritt des Lustgangs der Batterie. In demselben Augenblick liessen sich die ersten Töne der Musik hören. Auf der Stelle erhoben diese Gesandten ihrerseits einen Fest- oder Kriegsgesang, mit solcher Macht, daß sie fast den Odem darüber verloren. Sie begannen und endeten ihr Geheul immer mit einem Laut, der wie Hu! oder Kohu! klang, daß den Hörern in der Nähe davon die Ohren gellten. Der Gesang selbst hatte eine Art Melodie. In verschiedenen Zeiträumen fuhren sich die Sänger dabei, und alle zugleich, mit der Hand über den Mund. Ihr Gebrüll hatte etwas Furchtbares. Dabei waren ihre Geberden und Leibesbewegungen mit den Streitäxten in den Fäusten so drohend und schrecklich, daß Jeder, der diese ihre Artigkeiten zum ersten Mal sah, jeden Augenblick fürchtete, die Erde mit Blut und verstümmelten Menschen bedeckt zu sehen.

Um einen Schelling erhielt ich Erlaubniß, in die Batterie einzutreten. Da war ein runder Tisch, rings mit Stühlen, für sie bereitet. Vier- bis fünfhundert neugieriger Zuschauer bildeten einen Kreis.