Als sich die Wilden gesetzt hatten, war ihr erstes Geschäft, die brennenden Kerzen auszulöschen. Man bat sie, es nicht zu thun; reichte ihnen gefüllte Gläser zum Trinken, und bot nun dem Obersten der Gesandtschaft eine von den Schüsseln dar, sich selber davon zu bedienen. Er legte den Schurz, den er um die Hüften trug, über die Knie auseinander, leerte die Schüssel darein aus und gab sie wieder zurück. Von nun an hütete man sich wohl, Jedem die gefüllte Schüssel darzubieten, sondern gab jedem Einzelnen seinen Theil davon. Die Gäste hörten essend immer der Musik aufmerksam zu. Als nach dem Schluß derselben alle Zuschauer freudig mit den Händen Beifall klatschten, wurden die Indianer gleich beim ersten Klatschen unruhig, sahen sich unter einander an und fuhren mit den Fäusten nach den Streitäxten. Ihre Furcht verlor sich, als die Musik wieder begann; und da sie schloß, erhoben sie zum Zeichen ihrer Zufriedenheit ein gar entsetzliches Geschrei.
Man ließ endlich das Feuerwerk aufsteigen, was ihnen eine angenehme Verwunderung zu erregen schien, und um acht Uhr zogen sie sich zurück. Beim Heimgehen war ich dem Zuge dieser Gesandten sehr nahe gekommen. Einer dieser Naturmenschen, neben welchem ich zufällig ging, betrachtete mich seitwärts so neugierig, wie ich ihn. Ich bot ihm lächelnd die Hand dar; er schüttelte sie mir treuherzig. Sein Haupthaar war, wie meistens auch bei den übrigen, zur Hälfte weggeschoren, und der Schopfbüschel mit buntfarbigen Federn ausgeschmückt; andere trugen die Haare lang, bis auf die Achseln niederfallend; in der Nase Metallringe; die Arme und den ganzen Oberleib unbedeckt, eben so die Beine. Einigen hing ein Wildthierfell von der Schulter herab.
Es waren wohlgebaute, starkgemuskelte Leute, ungefähr sechs Schuh groß, von schmutzig rother Hautfarbe, die durch das Beschmieren mit Fett und rother Erdfarbe noch schmutziger geworden war. Einige von ihnen hatten Tatowirungen. Ihr Gang war ganz eigen. Es kam mir vor, als hätten sie ihn bei den Wanderungen auf dem Boden ihrer Urwälder zur Gewohnheit angenommen. Stets haben sie die Augen vor sich nieder auf die Erde geheftet; so gehen sie, ohne rechts noch links umherzuschauen. Die Weiber, etwas kleiner und in Felle gehüllt, schienen sehr furchtsam zu sein. In der ihnen angewiesenen Wohnung wollten sie sich nie von einander trennen lassen. Sie schliefen alle beisammen.
Sie sind nachher mit Dampfschiffen auf dem Hudsonfluß und über die großen Seen in ihre Heimath zurückgekehrt. Als zu Albany eins ihrer Häupter starb, legten sie seinen Leichnam in einen doppelten Kasten und nahmen ihn mit sich.
Die amerikanischen Zeitungen enthielten die Namen dieser Gesandten, mit der Uebersetzung. Ich füge sie hier bei. Sie sind alle bezeichnend: Ganzgift, Wind, hockender Adler, Fuchswach, Wolkenaufgang, Matt-Auge, Sperling im Gehen jagend, Löffel, Büffel, fliegendes Täubchen, Bär brüllend daß Felsen zittern, weißnasiger Fuchs, Fuchssprung linksum, geduckter Fuchs, Sonne, Weißnebel, krausgeschwänzter Fuchs, Starkläufer, Donnerschnell.
Leider mußte ich mich stets daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in Amerika sei. Ich hatte noch so viel zu sehen und genoß so angenehme Tage. Ich war durch Empfehlung in eins der ersten Häuser in Newyork eingeführt. Das Haupt der Familie, der Vater, wohnte auf einem Landgut am Ufer des Rariton. Ich ward auch dort mit großem Wohlwollen aufgenommen. Der alte Herr führte mich unter andern in seine Bibliothek und rollte da einen Haufen Pergamente und Karten auf, um mir Titel und Umfang seiner gesammten Länderbesitzungen zu zeigen. Demzufolge besaß er einen ungeheuern Flächenraum Landes, der zusammen beinah soviel an Größe betrug, als etwa ein kleines deutsches Königreich. Er bat mich, wenn ich durch Virginien käme, einige seiner Besitzungen zu besuchen und besonders ihm Schweizer zum Anbau zu verschaffen.
Sein weitläuftiges Wohngebäu auf dem Landgut, eine Viertelstunde von der Amboy-Bay, zählt achtzig Gemächer und beherrscht eine der reizendsten Aussichten. Zwei seiner Söhne führen in Newyork eine der ersten Großhandlungen. Sie besitzen zwei Züge Schiffe, von denen der eine regelmäßig nach Livorno, der andere nach Ostindien die Fahrt macht. Ein dritter Sohn hat sich der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden gewidmet und ist schon seit vielen Jahren Missionär. Er verschmäht den bequemen Genuß eines großen Reichthums und duldet mit apostolischem Muthe die größten Entbehrungen, um durch die unwirthbaren Einöden der Wilden die Saat christlicher Gesittung auszustreuen.
15.
Die Fahrt nach Albany und Saratoga.
(14. bis 16. Aug.)
Kein Monarch Europens kann sich rühmen, einen glänzendern und größern Triumphzug gefeiert zu haben, von den Völkern mit höhern Ehren begrüßt worden zu sein – selbst Napoleon nicht, wenn er die bezwungene Welt durchreisete –, als General Lafayette, der Mitstifter amerikanischer Unabhängigkeit, da er das Vaterland seines Ruhmes zum letzten Male sah.
Ungeboten, ja unaufgefordert rüstete sich Alles, den edeln und geliebten Gast zu empfangen. Arm und Reich ward für ihn thätig. Die ganze Nation wollte ihn empfangen, ihn sehen, ihn segnen. Was sind daneben die kalten Feierlichkeiten, mit welchen prunklustigen Großen der andern Welttheile, unter steten Einmischungen der Polizei, geschmeichelt und gehuldigt werden muß! Wie der greise Lafayette diese Reihe von rührenden Auftritten und geräusch- und prachtvollen Festen ohne Zerstörung seiner Gesundheit ertragen konnte, bleibt mir noch immer unbegreiflich.