17.
Die Fahrt zum Niagara.
(20. bis 22. Aug.)
Ich stieg mit acht andern Reisenden, die ebenfalls den großen Fall des Niagarastromes besuchen wollten, in die Postkutsche. Denn bei der Fahrt auf dem Schiffe, das Tag und Nacht geht, verlor ich zu viel Gelegenheit, das Land, das ich durchreisete, zu sehen. Die Postkutsche macht täglich zwanzig Stunden Weges, fährt bei Tagesanbruch ab, und kehrt bei nächtlicher Dunkelheit ein. Ein anderer Reisewagen, der eine halbe Stunde nach uns von Utica abging, holte uns zu Oneida ein, wo wir dar Frühstück nahmen.
Kaum waren wir eine Strecke hinter Oneida, ward ich durch etwas überrascht, was in Europa, wo vortreffliche Polizei herrscht, keinen Reisenden überrascht, und schwerlich als Merkwürdigkeit in eine Reisebeschreibung aufgenommen wird. Ich aber will's gern hier eintragen.
So weit ich bisher in Amerika gekommen bin, hatte ich keine Straßenbettler gefunden. Hier liefen uns die ersten Bettelbuben nach. Es waren kleine Indianer. Bald auch kamen wir durch das Dorf der Wilden. Es bestand aus den erbärmlichsten Hütten, die hie und da im Wald, oder auf schlecht angebautem Erdreich herumlagen. Links von unserm Weg sah ich einen artigen grünen Rasenplatz von alten Bäumen überschattet. Dort, sagte man mir, pflegen die Häupter der Wilden ihre Rathsversammlungen zu halten.
Die hiesigen Indianer waren vom Stamm Cayagua, und nicht von der schönen Art. Sie hatten runde Gesichter, langgeschlitzte Augen, dicke Nasen, lange auf die Schultern niederhängende Haare, und elende Lumpen um die Hälfte ihres schmutzigen, gelben Leibes gewickelt. Das waren nicht mehr die kecken, kräftigen Gestalten, die ich in Newyork bewundert hatte.
Das Land wurde, je weiter wir kamen, wilder, und mit Ausnahme einzelner Ortschaften, weniger bevölkert. Selten sah man Häuser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser. Sie sind leicht und wohlfeil zu erbauen.
Ein junges Ehepaar, das sich als Pflanzer in den neuen Staaten ansiedeln will, hat oft, statt alles Vermögens, nichts als ein oder zwei Rosse, ein wenig Linnenzeug im Bündel und hundert Dollars Münze im Geldbeutel. Damit wandert es in die Einsamkeit und wählt sich eine Gegend, einen Boden, wie er ihm eben zusagt. Es hat an fünfzig Morgen Landes genug; zahlt den Morgen mit einem bis zwei Dollar zum Theil baar, zum Theil verzinset es das Uebrige mit sechs Prozent. Dann werden die nächsten Nachbarn, die oft drei und vier Stunden Wegs entfernt wohnen, besucht und vom Tag benachrichtigt, wenns an Erbauung des Hauses gehen soll. Am bestimmten Tag kommen alle Nachbarn mit ihren Pferden, Ochsen, Aexten, Beilen u. s. w. um Holz zu führen; bringen auch Sämereien mit und Vorräthe von Lebensmitteln zum Geschenk für die neuen Pflanzer. – Dann werden die Baumstämme gefällt, entastet; an ihren beiden Enden mit Einschnitten und Zapfen zum Zusammenfugen versehen, und auf einander gelegt, wie wenns einen großen Käfig geben sollte. Allfällige Lücken zwischen den Balken füllt man mit Steinen, Moos und Erde aus. Ehe der Tag ganz zu Ende ist, steht die Wohnung schon fertig. Dann werden die Eingeladenen noch mit Speise und Trank bewirthet, und ihre Zahl ist immer ziemlich groß; und jeglicher kehrt zu den Seinen zurück, oder wohnt er allzu entfernt, nimmt er unterwegs beim ersten besten Pflanzer dessen Gastfreundschaft in Anspruch, die herzlich gern bewilligt wird.
Ist der junge Pflanzer irgend rührig und arbeitsam auf dem neuen Gute: so ist er am Ende von zwei bis drei Jahren schon im Stande, eine Wohnung von Backsteinen aufzuführen. Auch das wieder ist nicht so gar köstlich. Denn zu dem Behuf gibt es Ziegelbrenner, die von einem Ort zum andern wandern. Auf dem Bauplatz selbst legen sie ihre Werkstatt an, kneten, formen und brennen die Backsteine, die sie zu vier bis sechs Dollars das Tausend liefern. Die neuen Häuser sind dann ein Stockwerk hoch, mit zwei bis vier Fenstern in der Breite. Zu einem Gebäu von drei Fenstern vorn gehören vierzigtausend Steine. In Städten haben diese Steinhäuser auch einen Anstrich von aussen, und die Dachung ist mit Schiefer gedeckt.
Jenseits des indianischen Dorfes sieht man von einer kleinen Höhe den ganzen Oneida-See, und bis zum Ontario-See, der an den Horizont grenzt. Wir kamen durch zwei Städtchen, Manlieus und Odanagua; zwischen beiden dehnte sich zu unserer Rechten ein See aus, acht Stunden lang, ungefähr eine Stunde breit, an dessen gegenüberliegendem Ufer wieder die Häuser von zwei Städtchen hervorschimmerten. Ich fragte, wie sie hießen, und ward von Ehrfurcht durchdrungen, als ich ihre Namen, Rom und Syrakus, hörte.
Durch das niedliche Städtchen Skenektedes, am Ende eines kleinen Sees hingelagert, gelangten wir Abends acht Uhr nach der kleinen Stadt Auburn, etwa einundzwanzig Wegstunden von Utica. Das Wirthshaus, wo wir abstiegen, war schon voller Reisenden, die vom Niagara in zwei Wagen zurückgekommen waren. Ich spürte gemach, daß ich mich in Nordamerika den Grenzen der zivilisirten Welt näherte. Das Wirthshaus hatte nichts Erquickliches. Die Schlafgemächer, worin immer fünf Betten beisammen standen, glichen den Kasernen. Das Städtchen selbst zählte schon eine Bevölkerung von etwa zweitausend Seelen.