Andern Tages ward es nicht besser. Die Landschaften wurden immer einsamer und wilder. Von einer Stadt zur andern fährt man oft vier bis zehn Stunden Weges durch ewige Wälder, in denen man nur dann und wann hölzerne Hütten zwischen weiten Strecken uralter, hoher, dicker Bäume erblickt, die aber alle verdorrt sind und einen traurigen Anblick gewähren. Die Pflanzer nämlich, welche ohnehin der Arbeit in den ersten Jahren genug haben, geben sich nicht die Mühe, die riesenhaften Bäume selbst zu fällen, die sie wegschaffen möchten. Sie schälen nur unterhalb über der Wurzel Rinde und Splint bis aufs Holz ab, lassen den Baum absterben und, wie er fault, vom Wind und Regen umwerfen. Man benutzt aber häufig das Land schon, ehe die Stämme gefallen sind; jätet unter den dürren Aesten, die nichts mehr verschatten, das Gesträuch aus, pflügt den Boden mit einem einzigen Pferde auf, streut den Samen aus und erfreut sich der Aernte, die auf einem an Lebenskraft so reichen Boden nie schlecht sein kann.
Durch das Städtlein Geneva, am nördlichen Ende des Seneca-Sees ungemein anmuthig hingebaut, und durch Canandaigua, wo wir zu Mittag speiseten, kamen wir Abends in das Städtchen Rochester, welches zwar nur erst 1800 Einwohner hat, aber auch erst zehn Jahre alt ist. Wir sahen folgendes Tages unterwegs einzelne Häuser ganz mit Menschen angefüllt, und mit gesattelten Pferden und Wagen umringt. Es war Sonntag. Man hatte sich da zum Gottesdienst versammelt, und manche Familie wohl deswegen eine halbe Tagereise gemacht und mehr. Hier zu Lande sind keine Zwangsanstalten, Beichtzettel, Sonntagsmandate und dergleichen Nothbehelfe erforderlich, um die Kirchen zu füllen und würdige Feier des Tages zu erzwecken. Alles erfolgt von selbst, wo wahre Freiheit daheim ist. Erzwungene Gottesdienstlichkeit ist das sicherste Mittel, die Kirche und ihre Priester verhaßt zu machen, Irreligiosität zu verbreiten und eine geheuchelte, darum eben lästige äussere Ehrbarkeit, statt frommer Sitten, herrschend zu machen. Es ist unglaublich, wie weit man in manchen Ländern Europens noch zurück ist, nach so vielen Erfahrungen und Thatsachen, die einfachsten Sätze des gesunden Verstandes zu begreifen.
Man hört den Sturz des Niagarafalls, wenn der Wind von daher kommt, sechs Stunden Wegs weit. Ich hörte sein Brausen aber erst in einer Entfernung von zwei Stunden, und nur dumpf.
Bei einbrechender Nacht kamen wir nach Lewistown, am Ufer des Niagara. Drei englische Lords und ein ehemaliger britischer Admiral saßen im Wirthshause am Kaminfeuer und sprachen mit andern amerikanischen Reisenden. Sie waren eben vom Wasserfall zurückgekommen. Natürlich, wir, die wir ihn erst schauen wollten, sponnen die Unterhaltung darüber gern fort.
Als mir der Wirth mein Schlafzimmer anwies, machte er mich auf ein anhaltendes Sumsen aufmerksam, welches aber meine Ohren mächtiger schlug, wenn er die Fenster öffnete. Es war das Tosen des ungeheuern Stromfalles, dessen einförmiger Donner aus den weiten Urwäldern wiederhallte, bald näher heranzuwandeln, bald wieder sich zu entfernen schien, je nachdem der Wind das majestätische düstre Rauschen mit sich hintrieb.
Ich stand lange am Fenster und horchte der wunderbaren Natur-Musik. Der Nachthimmel war heiter und hing voller Sterne. Empfindungen, die sich in kein Wort kleiden lassen, bewegten mich. Ich stand da beinahe zweitausend Stunden weit von meiner Heimath, in jenen unermeßlichen Wäldern, die noch vor wenigen Jahren nur von Wilden bewohnt, oder von Abentheurern und verwegenen Reisenden besucht waren, welche für Handelsgewinn oder Kenntnißbereicherung jedes Wagstück bestanden.
18.
Der Wasserfall des Niagara.
(23. Aug.)
Noch lag ich im tiefsten Schlaf, als mich der Wirth schon früh Morgens nach 3 Uhr mit angezündeter Kerze ermunterte, aufzustehen; der Wagen werde sogleich vorfahren. Kaum hatte ich Zeit mich anzukleiden. Der Reisewagen rollte heran. Wir stiegen ein. In kurzer Zeit hatten wir den Fuß eines mäßigen Hügels erreicht. Aber auf der Höhe droben angekommen, faltete sich plötzlich vor unsern trunkenen Blicken eins der reizendsten Schauspiele auseinander. Der Himmel glühte in allen Farben des Morgens; der Erdball schien sich vom Schlummer aufzurichten und verschämt erröthend dem Gott des Tages entgegen zu lächeln. Zu meinen Füßen wallte, wie ein dunkler, stellenweis funkelnder Teppich weithin der Ontario-See. Einzelne Nebelsäulen wandelten über diesen wehenden Teppich wie verspätete Geister der Nacht; sie wandelten und verschwanden. Nordwärts umfaßte den See der breite, schwarze Saum von Canada's unübersehbaren Wäldern; westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. Mehr in der Nähe hoben sich bei der Ausmündung des Niagarastroms zwei Vesten, die sich gegenseitig zu bewachen schienen. Drüben am canadischen Ufer die St. Georgs-Veste; hierüben, auf dem Gebiet der Vereinstaaten, die Niagara-Veste. Im Hintergrunde, am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, glänzten im ersten Sonnenstrahl Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne. Ich vernahm vom Postkutscher, es sei das canadische Städtlein York, acht Stunden Wegs von uns. »Sehen Sie auch seitwärts!« setzte er hinzu und wies nach der Mittagsseite. Ich wandte mich dahin und sah eine ungeheure Dampfsäule in der Ferne aus dem Schoos der Erde gegen die Wolken auffahren, wie von einem Vulkan ausgekocht. Dort war der Niagarafall.
Erst nach ungefähr einer Stunde sahen wir von diesem zwischen den Bäumen einige Wassermassen erscheinen und verschwinden. Aber das dumpfe Getöse ward mit jedem Augenblick deutlicher und lauter. Um neun Uhr hielt der Wagen vor einem artigen Wirthshause still, wo wir uns mit gutem Frühstück erquicken konnten, und freundliche Führer zum Wasserfall erhielten.
Wir begaben uns dahin. Auf einer Brücke, die über einen Arm des Flusses geworfen ist, gelangten wir zu einer Insel, Goat-Island, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt. Wir verweilten hier, uns auf der Insel zerstreuend, die ungefähr eine halbe Stunde Umfang hat, bis drei Uhr Nachmittags, um den Wasserfall und seine Pracht in aller Muße zu genießen.