Die Kalklager, von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind, bilden oft Berge und Hügel von beträchtlicher Höhe. Ein Zweig dieser Gebirgsverästung, der sich durch Maryland, Pensylvanien und Newyork streckt, durchschneidet den Niagarafluß in die Queere und verursacht den ungeheuern Sturz dieses Gewässers. Der Niagara, einziger Abfluß der großen Seen und des Erie-Sees, bildet bis zu seiner Mündung in das weite Becken des Ontario, einen mächtigen Strom von tausend bis zwölfhundert Schuh Breite und großer Tiefe. Bis zum Chippewaystrom, der zwischen dem Erie- und Ontariosee in ihn hineinstürzt, (vor Zeiten hat hier auch eine Veste gestanden), fließt er langsam und still. Dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt, von den Wassern des Chippeway verstärkt, wird er unruhig, sein Fall reissender. Er stürmt schäumend gegen Klippen und Felsen, die ihm den Weg verrammeln. Zwei Inseln spalten ihn in drei Theile. Aber stürmisch vereinigt er sich wieder, nahe dem weit über hundert Schuh tiefen Abgrund, in welchen er hinab muß. Die Felsen haben ihm hier bis auf viertausend Schuh weiten Spielraum gelassen. Es ist ein heulendes Meer, dessen Wogen, unter einander kämpfend ihrem zermalmenden Sturze entgegenrasen.

Der Wasserfall hat die Form eines Hufeisens. Der östliche Theil ist der vollere, gewaltigere, malerischere. Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten auf angesehen, scheint aus den Himmeln herabzufahren und sich in einen bodenlosen Abgrund vergraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen zu zersplittern und zu verstäuben. Die Erde und der Felsenboden dröhnen und zittern unterm Fuß des Menschen. Man steht in der Mitte eines ewigen, betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur schweigt, wie vom Entsetzen erstarrt. Aus der Tiefe, wo Alles kocht und gährt, silbergraue Staubwolken und Wasserbündel und Strahlen hastig auffliegen, und von nachkommenden wieder ereilt und zerstört werden, heulen in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichen Stimmen des Abgrunds durch das einförmige Tosen der Donner.

Ich begab mich vom amerikanischen Ufer auf Goat-Island; eine lange, schmale Brücke, mit großer Kühnheit über die Strömungen hingebaut, führt zu diesem Eiland. Und auf demselben befindet sich ein artiges Wohnhaus, wo man nicht nur Erfrischungen findet, sondern, was mich verdroß, ich möchte sagen, anekelte – sogar ein Billard! – Pfui! Da, wo vor der Majestät des Schöpfers, vor der erschütternden Herrlichkeit der Natur Alles klein wird, will die erbärmlichste aller menschlichen Leidenschaften, die Spielsucht, noch groß thun und sich auf den Zehen in die Höhe strecken und gelten. Da, wo Alles zur Bewunderung und Andacht ruft, will man noch – gemeine Unterhaltung, um der Langenweile zu entgehen. Ich könnte unmöglich mit einem Reisenden Freundschaft schließen, den ich hier Billard spielen sähe. Ich sähe in ihm das vollendete Zerrbild europäischer Zivilisation; jene sittliche Verkrüppelung, die wieder in stumpfes, gemüthloses, freches Thierthum übergeht. Es gibt Stellen auf Erden, die den Menschen aller Zonen und Religionen durch sich selbst Heiligthümer sind, heiliger, als ihre von Kalk und Steinen gebauten Kirchen und Tempel. Man sollte deren Entweihung nicht dulden.

Das Haupt eines indianischen Stamms hatte, so erzählte man mir, von den Alten gehört, es sei zwischen den Seen ein großes Wunder. Er machte sich auf; begleitet von seinen vornehmsten Kriegern kam er zum Niagarafall. Nachdem er eine Weile mit Erstaunen und Schweigen dagestanden war, nahm er seinen Tamoak, mit Silber belegt, seinen Bogen und die schönsten seiner Zierden, warf sie in den Schlund der Wogen, und sagte zu seinen Gefährten: »Fürwahr! Hier ist ein Haus des großen Geistes!«

Man hat auf der Insel die bequemste Ansicht des Wasserfalls; und wie man auf einen andern Punkt derselben tritt, verwandelt sich dem Auge das nie ermüdende Riesenspiel der Natur zu neuen Erscheinungen. Ich lebte in einer Wunderwelt. Recht anmuthig war es, daß auf dem grünen Teppich der Wiesen einige Hirsche und Rehe zahm und traulich um das Haus gingen und sich uns arglos näherten.

Ein junger Amerikaner war bisher immer mein Gefährte gewesen. Er blieb es auch, als ich bis zum Tiefsten des Wasserfalls niederstieg. Dies geschieht auf hölzernen Leitern, die man am senkrechten Felsen angebracht hat, die aber unter jedem Schritt schwanken. Zwei Männer, schon an diese schwierige Kletterei gewöhnt, trugen unsere Bündel. Denn wir hatten mit uns selbst genug zu schaffen, uns an Gesträuchen, Klippen und was uns unter die Hände kam, festzuklammern. Jeden Augenblick durchnetzte uns ein Stoß und Brast von Wasserstaub, durch den Wind gegen uns getrieben. Das Geheul der Wogen betäubte uns die Ohren.

Unten nahm uns ein kleiner Nachen auf. Einer der Führer stieg zugleich ein und schiffte uns mit Hilfe eines Ruders mitten durch die wüthenden Wellen. Wir brachten über eine halbe Stunde zu, ehe wir das canadische Ufer erreichen konnten.

Während dieser Ueberfahrt genossen wir gemächlich und umfassend das große Bild ewiger Verwandlungen. Die brennenden Farben des Regenbogens umgaukelten uns, bald in der schäumenden Nähe, bald über uns.

So erreichten wir unten am Wasserfall, wo uns beständig dicke Wolken aufsteigenden Wasserstaubes verschlangen, das canadische Ufer. Aber das Erklimmen dieser schroffen Felsen war für uns so gefahrdrohend und mühselig, als es das Herabsteigen am jenseitigen Ufer gewesen war.

Droben erreicht man in einer Viertelstunde ein großes, schönes Wirthshaus. Hier fanden wir Alles belebt. Jeden Augenblick zeigten sich uns andere Gesichter; Reisende kamen, Reisende gingen. Ganze Karavanen durchkreuzten sich. Die Fenster des Speisesaals gingen gegen den Fall hinaus. Man zeigte mir von da den Table-Rock (Tafelfelsen), wo die schönste Ansicht des ganzen Falles sein soll. – Ich begab mich dahin, und sah mich keineswegs getäuscht. Dieser Felsen streckt sich beträchtlich weit in den ungeheuern Schlund vor. In der That, das Auge umfaßt hier mit einem Blick das Ungeheure des großen Schauspiels. Es ist dem Geiste zu groß. Er will Alles umfassen und wird von dem erhabenen Ganzen verschlungen. Er verliert sich. Er schwebt zwischen Grausen und Entzücken.