19.
Ein Besuch bei den Seneca-Wilden.
Nichts widerlicher, als der Uebergang von prachtvollen Naturszenen, aus denen man in der Trunkenheit stiller Begeisterung zurückkehrt, zur Gemeinheit von Wirthshausszenen. Es ist die schmerzlichste Verletzung der Andacht. Es ist mehr, als Kirchenraub.
Ich zauderte auch nicht lange, und ließ anspannen. Es war erst vier Uhr Nachmittags, und ich konnte noch bequem nach dem Städtchen Buffalo, sechs bis sieben Stunden von da, gelangen. Der Weg dahin, auf canadischem Boden, folgt den gekrümmten Ufern des Niagara, der oberhalb Chippeway einen sanften Lauf hat. Als wir beim äussersten Ende des Erie-Sees, bei der Erie-Veste angekommen waren, mußten wir in einem Fahrzeuge über den Fluß setzen. Vor uns lagen in einiger Entfernung zwei Städtchen, Blackrock und Buffalo.
Buffalo liegt an der östlichen Ausspitzung des Erie-Sees und war während des letzten Krieges fast ganz zerstört worden. Am meisten hatte es aber von der Rohheit der Indianer gelitten, deren sich die Engländer hatten gegen die Amerikaner bedienen wollen. Es ist gefährlich, solche Bundesgenossen im Hause zu haben. Jetzt ist Buffalo freilich wieder aus der Asche neu aufgestanden, aber nicht als ein Phönix. Das Städtchen ist nichts weniger als hübsch. Indessen, was nicht ist, kann noch werden; denn der Ort ist zum Waarenverkehr trefflich gelegen. Der große Kanal des Erie-Sees, der mit dem Hudsonfluß verknüpft ist, geht von Buffalo aus, wo Fahrzeuge aus dem Michigan- und Erie-See landen müssen. Auch herrscht hier im Hafen schon viel Thätigkeit und Leben.
Herr L**, dem ich von New-York aus empfohlen war, empfing mich sehr zuvorkommend. Aus einer achtbaren französischen Familie stammend, war er schon vor vierzig Jahren nach Amerika ausgewandert. Während des Krieges zwischen England und Nordamerika hatte er, wie er mir erzählte, Buffalo verlassen und sich mit seiner Frau bei den Wilden zwei Jahre lang aufgehalten, indessen er seine drei Kinder nach Frankreich zurückschickte, um ihnen eine gute Erziehung geben zu lassen.
Sein Leben unter den Wilden, und was er mir davon sagte, hatte für mich viel Anziehendes. Bei mancherlei Entbehrung entbehrlicher Dinge, war er doch bei ihnen sehr glücklich gewesen. Er konnte ihre treue Gastfreundschaft nicht genug rühmen.
In den Umgegenden des Eriesees und gar nicht entfernt von Buffalo trieb sich damals ein zahlreicher Stamm von Indianern herum, der den Namen Seneca führt, und ein Zweig der alten, vielgefürchteten Irokesen ist. Diese Wilden waren damals mit aller Welt rings um in Frieden: Herr L** ermunterte mich, sie zu besuchen. Es gefiel mir gar wohl, etwa einen Tag lang, oder zwei, das einsame Treiben und Wirthschaften dieser Naturkinder zu schauen. Aber wie man ein paar Jahre lang mit ihnen in den Wäldern ganz behaglich hausen könne, wollte mir doch nicht einleuchten. Wir machten uns also auf den Weg.
Schon, wie wir aus Buffalo hervor waren, begegneten uns einige der Senecaner. Ihre Bekleidung schien mir etwas sorgfältiger, als jene der Cayagua-Indianer. Sie hatten auch gar kein ärmliches Aussehen. Die, welche Hüte trugen, hatten sie sogar mit Silberplättchen geziert. Breite Gurte von rothem Tuch hingen um ihre Hüften; andere trugen diese Gürte schärpenartig gebunden. Manchen hing an der Seite ein breites Messer; dabei hielt jeder seinen Tomoak in der muskelstarken Faust.
Der Weg zu ihrem Dorfe führte in die Tiefe einer ungeheuern Waldung. Je weiter wir hineinkamen, je dichter wurde das Gehölz, und von Zeit zu Zeit stand ein Indianer, kommend oder gehend, vor uns, so unerwartet oder unvorhergesehen, als wär er aus der Erde hervorgeschossen. – Ein Greis, dem zwei junge Leute nachfolgten, alle wohlbewaffnet und wohlgekleidet, strich an uns vorüber, ohne uns anzusehen. Ich hielt ihn an und fragte, wie weit es noch bis zur Mitte des Stammes hin sei? Diese Wilden verstanden kein Englisch. Der Alte redete mit den Jünglingen, wie sich zu berathen. Nun versuchten wir die Zeichensprache. Damit gings besser. Wir erhielten die verlangte Auskunft und sahen nach zwei Stunden Wegs im Wald umher zerstreute Hütten.
Das Holz war stellenweis abgeschlagen, und der leergewordene Platz ziemlich nachlässig angepflanzt. Mais, Korn, Erdäpfel und andere Feldfrüchte sahen wir, mehr wie durch Zufall, als durch Menschenhand da hingesetzt. Es sind auch nur die Weiber, die den Landbau treiben. Männer schämen sich noch des, und treiben blos das edle Weidwerk, als geborne Jäger. Das Weib ist noch eine Art Sklavin; trägt auch, während sich der Mann frei bewegt, auf Reisen die Lebensmittelvorräthe in einem Korb auf dem Rücken, an einem breiten Lederriemen, der über die Stirn geht. Eben so tragen sie auch ihre kleinen Kinder, aber auf ein Brett gebunden, bis ans Kinn eingefäscht, mit deren Rücken gegen ihren Rücken.