Der große Stamm der Irokesen, der einst an den Champlain-, Ontario- und Erie-Seen umhertrieb, ist jetzt fast ganz verschwunden. Man sieht nur noch einzelne abgerissene Zweige desselben, wie den der Senecaner. Als sich im Jahre 1610 die ersten christlichen Glaubensboten unter sie wagten, zählten sie noch eine Heeresmacht von mehr denn 20,000 Kriegern. Nach dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskriege im Jahr 1780 fanden sich hier nur noch etwa 1500 Krieger vor. Jetzt können sie nicht mehr als 150 bis 200 Streiter aufstellen.

Diese befremdende Verminderung der Indianer mag mancherlei Ursachen haben. Der Wilde zieht sich bei jeder Annäherung der zivilisirten Welt scheu zurück, wenn er sie nicht zerstören kann. Er will mit ihr nichts gemein haben. Er kennt aus den Sagen seiner Väter und Urväter die nie zuverlässige Treue, die List und Hab- und Herrschgier und rastlose Ausbreitungssucht der Europäer. Er kann die Lebensbequemlichkeiten derselben nicht reizend finden, weil er ihrer durchaus nicht bedarf; kann die Genüsse nicht schätzen, welche Wissenschaft und Kunst gewähren mögen, weil sie ihm fremd und verschlossen stehen; kann die feinern Vergnügungen der gebildeten Gesellschaft nicht leben, weil sie zugleich einen äussern Zwang auflegen, der ihm naturwidrig scheinen muß. – Die reine Freiheit des Wilden hat ohnehin ihren eigenthümlichen Zauber, der aus der Einfalt, Rechtlichkeit und ungebundenen Sorglosigkeit hervorgeht. Man hat wenige, oder am Ende gar keine Beispiele, daß Indianer, welche bei Europäern erzogen wurden, nicht gerne wieder aus dem Zwang der Etikette, des Zeremoniels, des Kirchenthums, des Rangwesens, der Polizeiordnungen, der Titulaturen, der gesellschaftlichen Vorurtheile, der Parteimachereien, der unendlichen Lebensmühen, um zum Besitz entbehrlicher Dinge zu gelangen, herausgegangen und in die Stille und Freiheit ihrer Wildnisse, zur einfachen Lebensweise ihrer Stammesgenossen zurückgekehrt und daselbst geblieben wären. Dagegen sind der Beispiele mehrere vorhanden, daß gebildete Europäer, die gewaltsam oder freiwillig unter die Indianer kamen, sobald sie sich nach Jahr und Tag unter ihnen heimisch fühlten, auf das Bittersüß der Zivilisation verzichteten, sich, wie die Familie L** zu Buffalo, sehr glücklich bei ihnen fühlten, und entweder gar nicht mehr, oder doch nicht ohne späteres Heimweh, in die Welt der Gebildeten zurückkehrten.

Eine große Zahl der Irokesen hat sich wirklich von den großen Seen hinweg westwärts in das unbekannte Innere des Welttheils gezogen. Was noch zurückblieb, ward zum Theil wohl in Kriegen, mehr noch durch das Gift der gebrannten Wasser, welches sie von den Europäern kennen lernten, durch Völlerei und Krankheiten, die daher entsprangen, allmälig aufgerieben. Vielweiberei findet in der Regel bei ihnen nicht statt; nur die Stammhäupter und Vornehmsten haben mehrere Frauen.

In der ersten Hütte, in die ich eintrat, fand ich eine Indianerin geschäftig, Mais in einem hölzernen Troge klein zu stoßen, um daraus eine Art Brod zu backen, das sie Hökake heißen. Ich hatte späterhin bei einsamen nordamerikanischen Pflanzern oft genug Anlaß, meinen Gaumen mit dieser Hökake vertraut zu machen.

Fünfzig Schritte weiter, in einer zweiten und viel größern Hütte, die einem Oberhaupt gehörte, lagen fünf junge Weiber auf dem Boden, die unter einander mit bunten Bohnen, auf einer über die Erde gebreiteten Matte, spielten. Zwei derselben rauchten dazu, zwei andere säugten ihre Kinder. Ihre Bekleidung war so spärlich, daß unsere Schönen in europäischen Städten, wenn sie sich in »eleganter« griechischer Tracht halbnackt den Gaffern hinstellen, daneben ganz nonnenhaft vermummt erschienen haben würden. Sie sahen zu uns auf, ohne ihre bequeme Lagerung zu ändern. Ich verlangte ein wenig Milch. Die Jüngste, welche etwas englisch verstand, fragte, wie viel ich dafür geben wollte? Ich reichte ihr ein Sechs-Pencestück hin. Sie brachte mir mehr Milch, als ich trinken konnte.

Ohne die Indianer in ihrer Sprache sprechen zu können, geht man unter ihnen natürlich wie ein Taubstummer umher. Man sieht dies und das, aber möchte Erklärungen dazu, und vermag sie nicht zu fordern. Ich durchirrte das Dorf und wandelte in den Umgebungen mehrerer Hütten, deren kahles Innere keiner Beschreibung bedarf. Ich bemerkte auch von den schauerlichen Siegeszeichen der Wilden, die mit den Haaren bewachsene Schädelhaut von den Köpfen ihrer erschlagenen Feinde. Nun wußte ich ohngefähr, wie es in den Walddörfern und Hütten der alten, tapfern, vielgerühmten Germanen zu Tacitus Zeit ausgesehen haben mag, von denen, ihrem Whisky (oder Meth) ihrem Eichelschmaus (oder Hökake) u. dgl. m. noch jetzt die Rektoren und Professoren an den Schulen in Deutschland ihrer lernbegierigen Jugend gern großes Aufhebens machen.

Man weiß, wie es bei den Wilden mit dem Skalpiren, oder dem Abziehen der Schädelhaut ihrer Feinde, schnell und leicht geht. Aber eins wußte ich nicht und schien mir fast unglaublich. Man versicherte mich, daß man Menschen gekannt habe, die noch viele Jahre nach ihrer Skalpirung munter und gesund gelebt haben; nur daß ihnen die Haare nicht wieder nachwuchsen.

Die Rechtlichkeit und Strenge der amerikanischen Gesetze und der Ernst in deren Vollziehung hat bewirkt, daß sich die Seneca-Indianer sehr ruhig verhalten. Nur die Begierde, etwas zu besitzen, das ihnen an einem Weißen gefällt, hat sie oft zu Unthaten verleitet. Denn das kürzeste Mittel, sich im Besitz des gewünschten Gutes zu sehen, schien ihnen auch das beste zu sein, nämlich den Eigenthümer zu tödten. – Doch auch davon hat man lange nicht gehört.

20.
Die Fahrt im Vaggon nach Pittsburg.
(25. bis 28. August.)

Mein Plan war gewesen, im Dampfschiff von Buffalo über den ganzen Erie-See bis an dessen entgegengesetztes Ende nach Detroit zu fahren. Aber ich hatte mich in den Tagen verrechnet; das Dampfschiff war schon abgereiset, und acht Tage lang hier auf ein anderes zu warten, taugte zu meinem Zeitvorrath schlecht.