Ich bequemte mich also, wenn gleich etwas ungern, mit in ein Fuhrwerk zu sitzen, das den folgenden Tag von Buffalo nach Pittsburg in Pensylvanien abreisen sollte. Man nannte diesen Wagen, der wie ein Karren aussieht, einen »Vaggon.« Ich werde noch lange an diese Vaggons denken, die eben nicht zu dem bequemsten Reisegeräth gehören, zumal auf Wegen, wie die sind, wo sie gebraucht werden. Zu meiner vorläufigen Beruhigung erzählte man mir, daß zwei Wochen vorher zwei Reisende mit dem wöchentlich abgehenden Vaggon kein Glück gehabt. Der eine wäre vom Vordersitz herab in eine Schlucht geschleudert worden und auf der Stelle todt gewesen; der andere, indem er herausspringen wollte, als der Vaggon eben umstürzte, wäre von diesem zerschmettert worden. Aber das begegne bei einiger Vorsicht nicht alle Tage.
In Gesellschaft anderer Reisenden bestieg ich also den Vaggon. Eine Stunde von Buffalo schon hörte die Straße auf. Man fuhr nun immer längs dem Ufer des Erie-Sees hin. Aber welch ein Weg! – oder vielmehr, es war gar kein Weg da. Bald sanken die armen Rosse bis über die Knie in feinen Schlammsand ein, bald in Morastpfützen und Koth. Es waren vier Pferde, allein sie hatten Arbeit vollauf, den Wagen nur im Schritt fortzubringen. Ich hatte die angenehme Einbildung, das sei eine wüste Stelle; man müsse einige Augenblicke Geduld haben. Der Postknecht belehrte mich aber sehr höflich, die wüste Stelle dauere zehn Stunden Weges lang.
Der See ging ziemlich stürmisch. Trotz dem fuhr unser kühner Phaëton ins Wasser hinein, wenn er entweder aus dem Schlamm sich retten, oder großen Steinen ausweichen wollte. So lange die Räder des Vaggons, die, als eines Strandlaufers, sehr hoch waren, noch festen Boden über sich fühlten, ließ ich die Wasserreise unbetadelt. Aber nun kamen wir an einen Platz, wo sich ein Felsen ziemlich weit in den See hinausstreckte. Der mußte umschifft werden. Der Lenker unserer Schicksale und des Vaggons trieb die Pferde ins Wasser, bis es über sie wegrauschte, und sie wie Hunde schwammen, während die Wogen des kleinen stürmischen Meers den Kasten des edeln Vaggon weidlich zerschlugen. Da ward mirs doch etwas schwül; ich dachte an meine unglücklichen Vaggonsvorfahren und verwünschte diese Art Lustreisen. Meine amerikanischen Reisegefährten verwunderten sich höchlich. Sie fanden die Sache vollkommen in der Ordnung der Dinge. Ich mußte ihnen das allerdings zugestehen; aber, dacht' ich: ländlich, sittlich!
In einem einsamen Hause hart am See ward zu Mittag gespeiset, Roß und Vaggon gewechselt. Dann gings weiter; nicht besser, als des Morgens, aber doch, zur Abwechselung, auch anders. Denn wenn die Pferde, bei der Tiefe und Beweglichkeit des Sandes nicht mehr von der Stelle rücken konnten, fuhr man, statt ins Wasser, in den Wald, der das Seeufer besäumt. Da mußte man nun mit vieler Kunst im Zikzak zwischen den Bäumen und um sie herumkreisen; bald sich durch einen in die Quer hingestürzten alten Stamm, bald durch einen Bach-Hohlweg in witzigen Erfindungen üben lassen, wie man das neue Hinderniß überwinden könne.
Doch, ohne Hals- und Beinbruch, hatten wir das Glück, bei eintretender Nacht an Ort und Stelle nach Fredonia zu gelangen.
Fredonia trägt den Namen einer Stadt (Township). Es ist eine neue Stadt. Aber mache sich niemand gar zu glänzende Vorstellungen von den neuen Städten in Nordamerika. Es hat damit ein ganz eigenes Bewandtniß. Ihre Errichtung hängt nicht blos von Zufälligkeiten ab, durch welche ehemals die Städte Europens, oder auch noch die Küstenstädte Nordamerika's entstanden sind, wo ein Kloster, ein Wallfahrtsort, ein landesherrliches Schloß und dergleichen, mehr Ansiedler, als anderswohin, zusammenlockte; oder wo eine Bucht, ein natürlicher Hafen, die Mündung eines großen Stroms, zur Gründung einer Kolonie einlud. Kluge Vorausberechnungen bestimmen jetzt den Platz, wo eine künftige Stadt im Innern des Landes stehen müsse. Dann wird die Erbauung derselben durch Beschluß angeordnet und begonnen, es sei, wo es wolle.
So steht Fredonia mitten in Wildnissen und Wäldern, die sonst allein vom Geheul der Irokesen und wilden Thieren belebt waren. Da führen noch keine vielbewanderte Wege, keine gebaute, regelmäßige Hochstraßen zu den Thoren. Es sind noch keine Thore, keine Ringmauern vorhanden. Die Stadt ist erst vier Jahre alt. Man sieht ein gutgebautes Gerichtshaus (court-house). Weiterhin stehen wieder zwei Kirchen, aus Backsteinen geschmackvoll aufgeführt; zwei verschiedenen Glaubensparteien angehörend; beide ziemlich nahe beisammen. Dann sieht man noch ein Wirthshaus; einen Kaufladen und Magazin mit Spezerei, Leinwand, Tüchern, gebrannten Wassern und andern kleinen Bedürfnissen; ferner eine Schmiede, und eine Buchdruckerei, aus der wöchentlich eine Zeitung hervorgeht. Dann in gleichem Verhältniß, wie in mehrern europäischen Staaten der augenlose weltliche und geistliche Arm derer, die Gewalt haben, die gegenseitige Mittheilung, Belehrung und Verknüpfung der Geister unter einander vermittelst der unterdrückten Preßfreiheit unterdrücken möchte, suchen die Nordamerikaner durch Begünstigung der Preßfreiheit Gemeinsinn, Theilnahme an vaterländischen Angelegenheiten, Kunst, Kenntniß, Volksbelehrung zu befördern. Um jene sieben, acht Gebäude herum stehen in Fredonia etwa noch zehn einzelne Häuser zerstreut umher. Aber die öffentlichen Plätze, die Märkte, die künftigen Straßen sind schon im Plan vorhanden; sind schon wirklich ausgesteckt. Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten, dem angenommenen Plan gemäß zu bauen.
So sieht eine vierjährige Stadt im Innern Nordamerika's aus.
Folgenden Tages gings durch Wald und Wüstenei; der Weg ward nicht gemächlicher, aber doch minder gefahrvoll, als am vorigen Tage. Der Postknecht, welcher die Zeitung von Fredonia auf seiner Reise abzugeben hatte, warf dieselben, wo man in der Nähe von einzelnen Häusern unterwegs vorbeikam, links und rechts aus dem Wagen vor die Thüren. Abends kamen wir noch bei hellem Tage zu Erie an.
Diese Stadt liegt am Südosttheil des Sees, von dem sie benannt ist, auf einer Anhöhe, von der sich eine weitgedehnte Aussicht ergibt, und bis zum jenseitigen See-Ufer. Die Seen Ontario und Erie gleichen kleinen Meeren; jeder von ihnen hat über dritthalbhundert Stunden Umfang und bei sechshundert Geviertmeilen Fläche.